39 Prozent der Baden-Württemberger rechnen damit, dass Deutschland in einen Krieg verwickelt wird. Verblüffend, was eine Mehrheit im Land aus der Gefahr ableitet, schreibt StN-Chefredakteur Christoph Reisinger.
Stell Dir vor es ist Krieg – und keiner geht hin. Dieser Spruch, mit dem vor knapp einem halben Jahrhundert Friedensbewegte kokettierten, ist den Baden-Württembergern Leitmotiv geblieben. Ausweislich des aktuellen Baden-Württemberg-Checks unserer und 44 weiterer Tageszeitungen im Land wäre nicht einmal ein Viertel der Befragten bereit, Deutschland mit der Waffe zu verteidigen.
Ein bemerkenswerter Befund. Gibt es in Baden-Württemberg nichts zu verteidigen? Keine Freiheit, keinen Rechtsstaat, keinen Wohlstand? Wer sich wach im Land bewegt, muss zu einem anderen Schluss kommen.
Der ewige Frieden ist eine Illusion geblieben
Die Idee, Verteidigung sei gegebenenfalls nur etwas für andere und kein persönliches Anliegen, mag zementiert sein durch das Erleben der vergangenen drei Jahrzehnte. Da war die Bundeswehr zwar ständig im Einsatz, aber immer weit weg. Das Ende des Kalten Krieges und das auch danach erfreulich hohe Engagement der Amerikaner für die Sicherheit Europas mögen die Illusion genährt haben, der ewige Frieden sei ausgebrochen.
Die Wahrheit ist leider eine andere. Kriege waren nach 1945 auch aus Europa nie ganz verschwunden: Zypern, Balkan, Kaukasus waren Schauplätze. Doch seitdem Russland, die mit Abstand stärkste Militärmacht des Kontinents, 2014 anfing, seine Grenzen mit Gewalt auszudehnen, erfährt die Bedrohung Deutschlands und seiner Verbündeten in Nato und EU eine neue Wucht.
Wie wenig dies im Südwesten in das öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, offenbart diese Zahl: Nur 21 Prozent der Befragten sehen in den seit Jahren zunehmenden Attacken staatlicher oder staatsnaher russischer Angreifer auf die digitale Infrastruktur von Behörden, Banken, Energieversorgern, Unternehmen und Krankenhäusern des Landes Anlass zur Sorge. Offensichtlich werden weder die Milliardenschäden, die dadurch entstehen, noch der Ausfall kommunaler Internetseiten als Weckrufe wahrgenommen.
Man muss nicht gleich in Hysterie verfallen angesichts dieser Angriffe aus Russland. Aber diese Aggression, die ja real ist, einfach zu ignorieren, wirkt naiv.
Dienstpflicht schlägt Wehrpflicht
Unterschiede zwischen Sein und Bewusstsein spiegeln sich auch in den Positionen zu einer möglichen Reaktivierung der Wehrpflicht. Nur 22 Prozent der Befragten befürworten sie, unter den potenziell am stärksten Betroffenen 18- bis 29-Jährigen sind es sogar nur 14 Prozent. Ein allgemeines verpflichtendes Dienstjahr können sich mit 54 Prozent – unter den Jungen 48 Prozent – deutlich mehr Baden-Württemberger vorstellen.
Im Vordergrund steht also nicht die Frage, wie Deutschland möglichst schnell eine militärische Reserve aufbauen könnte, ohne die Landes- und Bündnisverteidigung nicht funktioniert. Es geht den Bürgern eher darum, Eingriffe in die eigene Lebensgestaltung zu minimieren oder sich zumindest möglichst viele Wahlmöglichkeiten offenzuhalten.
Was für ein Kontrast zur Haltung so vieler Ukrainer, die unter die russische Angriffsmaschine geraten sind! Sie beeindrucken mit Kreativität und Standfestigkeit, mit denen sie ihre Unterlegenheit im Kampf ausgleichen. Nicht minder überzeugen sie durch Willen und Fähigkeit, ihre Gesellschaft funktionsfähig zu halten und sich zu behaupten.
Baden-Württemberger legen mehr Vorräte an
In Baden-Württemberg werden jetzt gemäß den Umfrageergebnissen immerhin mehr private Notvorräte angelegt. Und 92 Prozent der Befragten sprechen sich für Notfallpläne für die Gesundheitsversorgung im Katastrophenfall aus.
Überspitzt formuliert: Die Bereitschaft sich zu wehren, ist gering – im Krieg sollen Aggressoren Baden-Württemberg aber gut organisiert und bevorratet vorfinden.