Die einstige Traditionsgaststätte Löwen an der Neuenbürger Straße in Neusatz gibt es nicht mehr. Dafür schon sehr lange eine Baustelle in der Dorfmitte. Die sorgt für Verärgerung. Nachbarn melden sich zu Wort. Wir fragten im Rathaus nach.
„Vor etwa drei Jahren aus Denkmalschutzliste gestrichen“ – so lautete eine Überschrift im November 2020. Es ging um die Zukunft des ehemaligen Gasthauses Löwen in Neusatz.
Änderung der Planung Etwa ein Jahr später lautet ein Tagesordnungspunkt des Technischen Ausschusses »Teilabbruch eines Gasthauses und Neubau von neun Wohnungen«. Es wurde mitgeteilt, dass im Februar 2021 zu dem Teilabbruch des alten Gasthauses Löwen in Neusatz und den Neubaumaßnahmen zur Herstellung von neun Wohnungen das Einvernehmen erteilt worden sei. Wegen des fehlenden Grenzabstands infolge des Abbruchs einer historischen Außenwand (südöstlicher Gebäudeteil) und dem damit verbundenen Verlust des Bestandsschutzes habe nun eine Änderung der Planung vorgenommen werden müssen.
Je ein Balkon
Es sei erforderlich, die grenznahe, neue Außenwand gegenüber der bisherigen Bestandswand um 1,10 Meter einzurücken. Als Ausgleich für den dadurch entstehenden Verlust an Nutzfläche solle die neue Außenwand im Südwesten des Gebäudes um 2,03 Meter nach außen verschoben werden.
Das Erscheinungsbild des Bauwerks verändere sich nur auf der Rückseite in geringem Umfang. Es werde kein zusätzlicher Wohnraum geschaffen, es seien daher keine zusätzlichen Stellplätze erforderlich. Obendrein würden im Erdgeschoss und im Obergeschoss je ein Balkon angebracht. Bei einer Gegenstimme erteilte der Ausschuss das Einvernehmen zu einer Änderungsbaugenehmigung.
Verkehr wird behindert Seit weit, so gut. Aber mittlerweile, im Jahr 2025, reißt bei den Eheleuten Greul, die Nachbarn sind, der Geduldsfaden: „Die Idylle unserer schönen Dorfmitte ist seit Jahren durch einen Baukran und den Umbau des ehemals unter Denkmalschutz stehenden Gebäude Löwen im Zentrum gestört.“
Ärger vorprogrammiert
Seit mehr als vier Jahren werde der Verkehr behindert. Lastwagen und Autos müssten über den Gehweg fahren, auf dem Kinder und Senioren laufen, die zum Bus wollen. Des Weiteren sei es für den „Schwalbenhof“ kaum möglich, zu den Stallungen in der Neuenbürger Straße mit den Traktoren zu gelangen. Die Bewohner würden den Bau schon „Stuttgart 21“ nennen.
„Wer hat so eine Baumaßnahme und die massiven Verkehrseinschränkungen eigentlich genehmigt? Schon wiederholt sind die Arbeiter wochenlang nicht auf der Baustelle zu sehen gewesen“, so die Greuls. Die Mülldeponie am Gebäude werde immer größer. Neun Wohneinheiten – und wo seien die Parkplätze? Da sei der Ärger mit den Nachbarn vorprogrammiert. Jetzt fehle noch der Dachstuhl, „dann erdrückt uns das Gebäude komplett“. Da wäre doch ein Flachdach die Lösung. Man glaube nicht, dass die Mitarbeiter des Bauamtes sich das Gebäude jemals angesehen hätten.
Bauaufsichtsbehörde Wie auf Nachfrage unserer Redaktion vom Bauamt zu erfahren ist, erfolgte die Genehmigung sowie die Überprüfung des Bauantrags durch die Bauaufsichtsbehörde in Calw.
Insgesamt seien im Bauantrag 14 Pkw-Stellplätze beantragt und genehmigt worden. Diese seien sowohl rechts als auch links am Gebäude vorgesehen. Damit werde der Stellplatzschlüssel der Stadt Bad Herrenalb von 1,5 Stellplätzen pro Wohneinheit eingehalten.
Vorgaben berücksichtigen
„Dass die Stellplätze noch nicht erstellt sind, ist nicht ungewöhnlich, da die Errichtung der Außenanlagen in der Regel am Ende des Bauvorhabens erfolgt“, heißt es weiter. Ein Flachdach könnte in bestimmten Fällen eine Lösung sein, jedoch müssten dabei die bauplanungs- und bauordnungsrechtlichen Vorgaben gemäß dem Baugesetzbuch (BauGB) sowie der Landesbauordnung Baden-Württemberg (LBO BW) berücksichtigt werden.
Gemäß Paragraf 34 BauGB müsse sich ein Bauvorhaben innerhalb eines im Zusammenhang bebauten Ortsteils nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen.
Wenn in der Umgebung vorwiegend Gebäude mit geneigten Dächern vorhanden seien, könnte ein Flachdach als städtebaulich unverträglich bewertet werden.
Zudem regle die LBO BW in Paragraf 11 (Maß der baulichen Nutzung) und Paragraf 34 (Gestaltung, Ortsbild, Umgebungsschutz), dass Bauwerke das Ortsbild nicht beeinträchtigen dürfen. Falls in dem Gebiet üblicherweise Satteldächer oder andere geneigte Dachformen vorhanden seien, könnte ein Flachdach gegen diese Vorschriften verstoßen.
Und mit Blick darauf, dass die Mitarbeiter des Bauamts das Gebäude nicht angesehen hätten, wird erklärt: „Die Beurteilung eines Bauantrags erfolgt wie bereits erwähnt durch die Bauaufsichtsbehörde und nicht durch die Mitarbeiter des Bauamts.“
Keine Zustimmung mehr
Teilsperrung Im Ordnungsamt weiß man um die Problematik in der Dorfmitte. Die Teilsperrung wegen des Krans sorge für Behinderungen. Sie sei immer wieder vom Landratsamt verlängert worden – in Rücksprache mit dem Rathaus.
Das Thema Baumüll habe man ebenso im Blick. Einerseits verstehe man den Unmut in der Bevölkerung, andererseits wolle man den Bau nicht verhindern. Was aber nicht heiße, dass das Ordnungsamt gegebenenfalls nicht einschreiten werde. Aufgrund der immer wiederkehrenden längeren Baupausen werde man auch einer zeitlich weiter reichenden Teilsperrung nicht mehr zustimmen.
Traditionsgaststätte
Blick zurück
Bereits 1786 wird Gottfried Schrafft als Wirt des Gasthauses Löwen erwähnt. Beginnend mit Jakob Friedrich Pfeiffer aus Dobel sind im 19. Jahrhundert über mehrere Generationen Pfeiffers die Wirte. Danach drei Generationen Faaß, aus Schwann kommend, bis ins 20. Jahrhundert hinein. Erst 1969 stirbt die letzte Löwenwirtin dieses Namens, Emilie Faaß, damals älteste Einwohnerin des Ortes, mit 90 Jahren. Erworben wird die Traditionsgaststätte mit Fremdenzimmern von Pauline Gröner. In den 1980er-Jahren und bis Mitte der 1990er-Jahre führt Erich Holbein das Restaurant mit Pension (Quelle Bernd Leupold: Neusatz – aus der Geschichte eines Schwarzwalddorfes). Danach wird der »Löwen« gut 20 Jahre lang zur »Pizzeria da Franco«, wo Pizza und Co. unter dem italienischen Eigentümer, aber auch später unter Pächtern einen guten Ruf genießen. Seit Jahren ist der Betrieb geschlossen, seither mehrfach verkauft und in der längsten Zeit davon in Leerstand.