Beim Bauernprotest in Stuttgart machen Landwirte wie Steffen Hofmann aus Oberderdingen auf steigenden Druck, niedrige Preise und wachsende Bürokratie aufmerksam.
Traktoren und Transparente: Beim Bauernprotest in Stuttgart machten am Montagmittag einige Landwirte aus der Region auf ihre angespannte Lage aufmerksam. Dutzende Traktoren stehen rund um das Landwirtschaftsministerium im Stuttgarter Osten, vor allem in der Stadt ein ungewohntes Bild. Einer von ihnen war Steffen Hofmann, 33 Jahre alt, aus Oberderdingen (Landkreis Karlsruhe). „Ich habe diesen Beruf gelernt, ich hänge da mit Herzblut dran.“ Der junge Landwirt spricht über den wirtschaftlichem Druck, die politischen Vorgaben und gesellschaftlichen Erwartungen .
Ein großes Problem ist aus Sicht der Bauern die Bürokratie
Hofmann bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb. Zusätzlich betreibt er mit seiner Familie eine Biogasanlage und einen Hofladen, in dem regionale Produkte direkt vermarktet werden. Der Betrieb vereint damit klassische Landwirtschaft, Energieerzeugung und Direktvermarktung. „Früher hast du von einem Strang gelebt, heute haben wir mehrere Standbeine, heute musst du alles machen“, sagt Hofmann. Ein großes Problem sei die Bürokratie. „Du schaffst von 6 bis 20 Uhr, danach müsstest du eigentlich nochmal zwei Stunden im Büro hocken. Die ganzen Auflagen sind kaum nachzuvollziehen.“
Vor dem Landwirtschaftsministerium am Kernerplatz im Stuttgarter Osten versammelten sich Bäuerinnen und Bauern, um auf ihre schwierige Lage aufmerksam zu machen. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) hatte gemeinsam mit dem Verein Land schafft Verbindung (LSV) zu der Kundgebung aufgerufen. Die Landwirte protestieren gegen dauerhaft zu niedrige Erzeugerpreise, die besonders Milch, Getreide, Schweinefleisch, Zucker, Kartoffeln und Butter betreffen, und fordern nachhaltige Marktstrukturen statt kurzfristiger Preisschwankungen.
Beim Protest in der Landeshauptstadt geht es für Hofmann und die anderen um mehr als einzelne politische Entscheidungen. Besonders aktuell ist jedoch die Kritik am Mercosur-Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Südamerika. Die Bauern betrachten Importe, etwa von Rindfleisch, als Bedrohung für die europäische Landwirtschaft – zumal in Europa strenge Vorgaben gelten, die in Südamerika nicht vorgeschrieben sind.
Der wohl bekannteste Redner vor Ort ist Cem Özdemir, Ex-Landwirtschaftsminister und Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl im März. Er zeigt sich solidarisch mit den Anliegen der Bauern. „Freihandel ja, aber er muss auch fair sein“, erklärt er. Es brauche dringend überparteiliche Ansätze, schließlich sei die „Landwirtschaft existenziell.“
Landwirt Hofmann steht am Rand, hört sich die Reden an. Mit klassischer Parteipolitik tue er sich schwer, engagiert sich aber bei sich im Ort als Gemeinderat bei den Freien Wählern. Trotz aller Sorgen betont Hofmann, dass Protest für ihn nicht Ablehnung, sondern Dialog bedeutet. In der Stadt hätten die Menschen zu wenig Kontakt mit der Landwirtschaft, so sein Eindruck. „In Stuttgart oder Karlsruhe interessiert sich kaum einer dafür oder sie bekommen das nicht mit.“ Besonders die Situation der Milchviehbetriebe sei angespannt. Schwankende Erzeugerpreise treffen auf hohe Investitionen. Für junge Landwirte wie Hofmann stellt sich zunehmend die Frage, wie der Hof langfristig wirtschaftlich geführt werden kann.
Nicht nur irgendein Job
Für den 33-jährigen Familienvater ist Landwirtschaft kein austauschbarer Job, sondern eine Lebensaufgabe, die früh beginnt und den ganzen Familienbetrieb prägt. „Ich bin nach meinem Hauptschulabschluss mit 15 in die Lehre gegangen, seit 12 Jahren arbeite ich im elterlichen Betrieb“, sagt er. Steffen Hofmann ergänzt: „Meine Kumpels in der Industrie bewerben sich halt woanders, wenn es ihnen nicht passt. Aber wir sind ein Familienbetrieb. Du gehst schon als Kind immer in den Stall, dann hängst du da dran. Meine Kühe sind meine Mitarbeiter. Wenn ich das Beste für sie gebe, geben sie auch das Beste für mich.“
Er habe immer wieder darüber nachgedacht, den Job an den Nagel zu hängen. „Aber die Kühe gehören zur Familie“, sagt er. Er würde gerne das beste Tierwohllevel halten, doch die Investitionen in neue Ställe wären ein viel zu hohes Risiko, fasst er die schwierige Lage für die Bauern zusammen.
Weiter Aufnahmen von dem Protest in unserer Bildergalerie.