Mit einem Mahnfeuer protestierten Landwirte, Handwerker und Fuhrunternehmer, unterstützt von der Bevölkerung, gegen weitere Belastungen und gegen die aktuelle Berliner Politik. Foto: Jeanette Tröger/Picasa

Während tausende wütende Landwirte in Berlin demonstrieren, suchen Berufskollegen aus dem Gäu das Gespräch mit Verbrauchern. Sie machen an ihrem Stand und später mit einem Mahnfeuer klar: Es geht um mehr als ein paar Euro weniger durch die Abschaffung der Agrardiesel-Subvention.

„Zu viel ist zu viel!“ – unter diesem Motto haben am Montagabend die Landwirte mit einem Mahnfeuer am Kreisverkehr in Neuhengstett, unterstützt von vielen Bürgern und anderen Berufsgruppen, gegen die geplanten Einschnitte, die vor allem die bäuerlichen Familienbetriebe enorm belasten werden, und die derzeitige Politik protestiert.

 

Riesiges Feuer nahe der Bundesstraße

In einem riesigen Container brennt ab 17 Uhr ein ebenso riesiges Feuer, zahlreiche Feuertonnen sind auf dem Gelände zwischen Gärtnerei und Bundesstraße am Kreisverkehr in Neuhengstett verteilt. Eine lange Reihe Traktoren steht direkt an der Bundesstraße 295, kleinere und größere Transporter parken auf dem Gelände zusammen mit unzähligen Autos. Eine große Menschenmenge hat sich versammelt und diskutiert in größeren und kleineren Gruppen. Auch zahlreiche Familien mit Kindern sind da. Die Landwirte haben bestens fürs leibliche Wohl gesorgt, es kann also eine lange Nacht werden, denn Gesprächsbedarf gibt es ja gerade ohne Ende. Und so brennt das Feuer auch weit nach 22 Uhr noch immer.

Handwerker und Spediteure schließen sich an

Eingeladen zum Mahnfeuer haben die örtlichen Landwirte, gekommen sind auch andere Berufsgruppen, die unter der aktuellen Politik leiden, wie das Handwerk oder die Speditionen und Fuhrunternehmer. Der Montag steht bundesweit im Zeichen des Bauernprotests mit der großen Demo in Berlin und vielen, übers ganze Bundesgebiet verteilten Aktionen wie dem Mahnfeuer. In Althengstett hat Marc Berger, zweiter Vorsitzender des Vereins „Land schafft Verbindung (LSV) Baden-Württemberg“, zur Situation und den Forderungen der Landwirte Stellung genommen. Dass die Rückvergütung beim Agrardiesel und Steuerbefreiung für landwirtschaftliche Fahrzeuge gestrichen werden soll, habe das Fass zum Überlaufen gebracht.

Mauterhöhung bringt Betriebe an ihre Grenzen

Kreishandwerksmeister Uwe Huber berichtet, wie sich aktuelle Beschlüsse der Bundes- und Landespolitik, zum Beispiel die CO2-Steuer, auswirken. Und schließlich zeigte Fuhrunternehmer Hans Roller aus Rötenbach auf, dass auch in dieser Sparte zum Beispiel die saftige Mauterhöhung die Betriebe an ihre wirtschaftlichen Grenzen bringt, was auch Arbeitsplätze gefährde. Zudem wurde aus allen Beiträgen deutlich, dass die kommenden Belastungen der einzelnen Berufsgruppen letztlich im Geldbeutel der Bürger, also beim Verbraucher, ankommen werden.

Rund 40 Schlepper und 300 Besucher

Die Mahnfeuer-Veranstaltung war laut Mitorganisator Jörg Nonnenmann aus Althengstett ein großer Erfolg, auch wenn einige Landwirte wetterbedingt nicht dabei sein konnten. Es hat den Nachmittag über geschneit und sie waren mit ihren Maschinen im Räumdienst im Einsatz. Es waren rund 40 Schlepper da und um die 300 Menschen, schätzt er und freut sich, dass viele Bürger ohne landwirtschaftlichen Hintergrund gezeigt haben, dass sie die Anliegen der Bauern und anderen Berufsgruppen ernst nehmen und unterstützen.

Gespräche mit Verbrauchern vor Edeka Mägerle

Zuvor hatte eine kleinere Gruppe an Landwirten den ganzen Tag über an einem Stand vor Edeka Mägerle das Gespräch mit der dortigen Kundschaft gesucht. „Wir wollen nicht nur die Straßen mit unseren Traktoren dicht machen, sondern mit Verbrauchern ins Gespräch kommen“, sagt Christina Schmid vom Schweichinger Hof in Althengstett – einst ein kleinbäuerlicher Betrieb für Milchviehhaltung und später umgestellt auf Pensionspferdehaltung – im Gespräch mit unserer Redaktion. Die 36-Jährige kennt den landwirtschaftlichen Betrieb von Kindesbeinen an, hat dort immer mitgeholfen und ihn inzwischen mit übernommen.

„Das Produkt muss den Preis bestimmen“

Es gehe bei den Protesten nicht nur um die geplante schrittweise Streichung der Subvention von Agrardiesel, sondern um verschiedene Probleme, unter denen vor allem kleinstrukturierte Betriebe zu kämpfen hätten. „Wir produzieren und erfahren erst dann, welche Menge zu welchem Preis uns abgenommen wird. Das muss sich ändern“, fordern Schmid und ihre Mitstreiter, das Produkt müsse den Preis bestimmen. Außerdem müsse eine klare Herkunftslandkennzeichnung her, damit für den Verbraucher bei sämtlichen landwirtschaftlichen Produkte klar sei, woher diese stammen.

Importware weitab deutscher Standards

„Solche Regelungen sollten EU-weit die gleichen sein“, ergänzt Landwirtin Nina Häberle aus dem Simmozheimer Ortsteil Büchelbronn. Der dortige Betrieb der Familie Häberle war in der Vergangenheit vor allem bekannt für sein Fleisch von Charolais-Rindern. Die Tiere mit der typisch weißen bis hellbraunen Fellfärbung konnten immer weithin sichtbar von der Bundesstraße bei Simmozheim aus beim Grasen beobachtet werden. 2020 wurde nach fast drei Jahrzehnten unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen aber die Mutterkuhhaltung aufgegeben und fast alle der 150 Tiere wurden verkauft. „Deutsche Landwirte produzieren auf höchstem Niveau“, so Häberle und Schmid, wohingegen Importwaren dem nicht annähernd gerecht würden, was Umweltschutz, Tierwohl und Umweltstandards angehe. „Das muss sich ändern“, sagen die beiden Landwirtinnen.

Weitere Aktionen vor Märkten in der Region geplant

Viele gesetzliche Regelungen, die Förderpraxis und eine überbordende Bürokratie hätten die Landwirtschaft zu einem sehr komplexen Bereich gemacht. Den gelte es den Verbrauchern zu erklären, weshalb man sich für die Aktion vor dem Edeka-Markt entschieden habe. „Wir möchten direkt mit dem Endverbraucher ins Gespräch kommen und mehr Bewusstsein für regionale erzeugte Lebensmittel schaffen. Auch alle Kritiker, die mit unseren Protestaktionen nicht einverstanden sind, sind willkommen“, betont Schmid. Letztere waren am Montag – zumindest in den ersten Stunden – am Infostand ausgeblieben. Vor allem Letztere sollen aber durchaus weitere Chancen bekommen, mit den Landwirten aus dem eigenen Ort und der Umgebung ins Gespräch zu kommen: „Wir möchten künftig noch vor vielen anderen Märkten in der Region stehen“, kündigt Schmid stellvertretend für ihre Berufskollegen an.