Marmelade einkochen, eine sprechende Fritteuse oder ein Ausflug zu Esel und Ziege – für die blinde Sulzerin Sabine Ludi ist das dank einer Assistenz nun alles möglich.
„Wir hätten nie im Leben selbst Marmelade eingekocht“, staunt Sabine Ludi. „Wir“ – das sind die seit ihrer Geburt blinde Sabine und ihr Mann Jürgen, der rechtsseitig gelähmt ist.
„Und jetzt sind wir total im Heißluft-Fritteuse-Fieber“, schmunzelt sie. Möglich machten das alles Assistenzleistungen im Wohn- und Sozialraum. „Das hat neue Freiheit und echte Lebensqualität gebracht“, kommt Ludi richtig ins Schwärmen.
Hilfe und Recherche
Sozialpädagoginnen wie Simone Moosmann von der Stiftung St. Franziskus bieten dabei Menschen mit Handicap Unterstützung, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen und Teilhabe an der Gesellschaft zu haben. „Kein Tag ist wie der andere, es wird nie langweilig“, fasst es Moosmann lachend zusammen – die ihre Arbeit schon seit 2003 macht.
So lese sie zwar manchmal auch die eintreffende Post vor, helfe beim Ausfüllen von Formularen und recherchiere, wenn es um eine neue Kühltruhe, Kaffeemaschine – oder eben auch Heißluft-Fritteuse – geht, stehe aber auch helfend beim Plätzchen-Backen oder beim Ausflug zum Pfauhof bereit, wo es zahlreiche Ziegen und Esel zu streicheln gibt.
„Ein verrückter Zufall“
„Ich bekomme immer sofort ein positives Feedback, wenn ich einen Wunsch erfüllen kann“, freut sie sich. In vielen anderen Berufsarten sei dies oftmals nicht der Fall, meint sie. Und auch Ludi ist glücklich. „Wir sind auf einer Wellenlänge, meine Meinung und Bedürfnisse werden respektiert“, macht sie klar.
Doch dass es überhaupt so weit kam, war keine Selbstverständlichkeit. „Es war eigentlich ein verrückter Zufall“, blickt Ludi zurück. Eigentlich hätten sie damals vor drei Jahren nur ein elektrisches Seniorenmobil beantragen wollen, und wurden am Ende des Prozederes bei der Ergänzenden Teilhabeberatung gefragt, ob sie denn noch weitere Wünsche hätten.
Ausflug zu den Wild Wings
„Wolle kaufen und backen“, hatte Sabine Ludi sofort gesagt. Und so wurde dann eine Assistenz beantragt – auch wenn bis zum ersten Gespräch mit Simone Moosmann und ihrer Kollegin Renate noch neun Monate vergehen sollten. „Man braucht Zeit und Geduld, aber es lohnt sich“, ist Ludi überzeugt.
Und auch ihr Mann Jürgen war von der Sache schließlich so überzeugt, dass er vergangenes Jahr ebenfalls einen Antrag auf eine Assistenz stellte. „Wir wollen gemeinsam zu den Wild Wings ins Stadion gehen“, verrät der passionierte Eishockey-Fan.
Assistenz eröffnet neue Welten
Hängt doch im Wohnzimmer schließlich ein von allen Spielern signiertes Mannschaftsfoto. Den Wild-Wings-Kalender 2026 hat er natürlich auch. „Ich bin so, so glücklich“, ist er sichtlich gerührt.
Und auch Sabine Ludi ist voller Freude. „Jetzt kann ich einfach so viele Dinge mehr machen – dank der Hilfe.“ Betont aber gleichzeitig noch etwas, was ihr wichtig ist: „Die Assistenz ist keine Betreuung“. Denn viele Leute dächten bei dem Wort „Assistenz“ an die rechtliche Betreuung Erwachsener, die aufgrund einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung ihre Angelegenheit nicht selbst regeln können. Grund für die Assoziation sei möglicherweise die frühere Bezeichnung der ambulanten Betreuungsassistenz.
Nächstes Projekt: Zimtschnecken
„Die Assistenzen sind praktisch meine Augen, aber entscheiden tue immer ich“, stellt sie klar. Und wünscht sich, dass das Angebot für Menschen mit Handicap viel mehr bekannt wird. „Viele, die das bekommen könnten, wissen davon gar nichts“, erklärt sie.
Das sei in ihrem Umfeld aber anders. „Einige meiner Freunde sind auch auf den ‚Assistenz-Zug‘ aufgesprungen“, berichtet Ludi. Mit ihnen treffe sich das Paar regelmäßig zum Assistenz-Stammtisch. Und auch das nächste Projekt ist schon geplant: „Wir wollen zusammen Zimtschnecken backen“, sagt sie.