Der defekte Aufzug am Bahnhof Horb ist nur ein Beispiel für jahrelang vernachlässigte Bahn-Infrastruktur, meint unser Autor.
Der defekte Aufzug am Horber Bahnhof war mehr als nur ein lokales Ärgernis. Er steht sinnbildlich für ein strukturelles Problem der Deutschen Bahn. Über Wochen war der Zugang zu den Gleisen 2 und 3 für viele Fahrgäste, vor allem ältere oder mobilitätseingeschränkte Menschen, nur über Treppen möglich. Ein Ersatzteil müsse „von Hand angefertigt“ werden, hieß es. Das klingt nach Improvisation, nicht nach moderner Infrastruktur im Jahr 2025.
Die Bahn betont regelmäßig, Barrierefreiheit sei ein zentrales Ziel. In der Realität zeigt sich jedoch, dass vielerorts alte Anlagen, fehlende Ersatzteile und schleppende Reparaturen zum Alltag gehören.
Anfrage erfolglos – Statistik aussagekräftig
Auf eine schriftliche Frage des Leipziger Bundestagsabgeordneten Sören Pellmann (Die Linke) zu barrierefreien Bahnhöfen, gab es im Januar 2024 nur eine dürftige Antwort vom damaligen Staatsekretär im Bundesverkehrsministerium – Horbs früherer Oberbürgermeister Michael Theurer (FDP). Die Bundesregierung verwies auf Angaben der Deutschen Bahn, die jährlich rund 150 Bahnsteige barrierefrei umbaue. „Keine konkreten Zahlen und Zeitpläne für Barrierefreiheit an Bahnhöfen“, titelte deshalb auch „Kobinet“, ein Nachrichtenportal des Vereins Kooperation Behinderter im Internet. Eine Studie der Buchungsplattform „omio“ kam 2024 dann zum Ergebnis, dass jeder fünfte Bahnhof in Deutschland nicht barrierefrei ist. In den Niederlanden waren es dagegen zu diesem Zeitpunkt nur drei Prozent.
Die eine Ebene des Problems ist, wenn der Bahnhof noch nicht mal baulich barrierefrei ist. Aber auch selbst dort, wo die Voraussetzungen baulich gegeben sind, scheitert es häufig am Betrieb: Aufzüge oder Rolltreppen sind defekt. Wenn man im Internet nach kaputten Aufzügen in Bahnhöfen sucht, wird man schnell fündig. Eine regelmäßige Übersicht der Ausfälle zeigt zum Beispiel beim Verkehrsverbund Verkehrs‑ und Tarifverbund Stuttgart mehrere Bahnhöfe mit Aufzügen, die bis auf Weiteres außer Betrieb sind. Frischestes Beispiel vom 11. zum 12. November: „Am Bahnhof Esslingen (N) ist der Aufzug von Gleis 2/3 nach Unterführung bis auf Weiteres außer Betrieb.“
Kein bedauerlicher Einzelfall
Natürlich kann Technik ausfallen. Aber wenn eine Reparatur Wochen dauert, ist das kein bedauerlicher Einzelfall mehr – es ist Ausdruck eines Sanierungsrückstands. Jahrzehntelang wurde an der Substanz gespart. Die Folgen treffen nun jene am härtesten, die am wenigsten ausweichen können: Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Rollstuhlfahrer. Eltern mit Kinderwagen, Reisende mit Gepäck.
Barrierefreiheit ist kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für Teilhabe. Wer von nachhaltiger und sozial gerechter Mobilität spricht, darf sich nicht damit zufriedengeben, wenn Bahnhöfe nur „im Prinzip“ zugänglich sind. Sie müssen es auch praktisch sein – jeden Tag.
Barrierefreiheit darf kein Reparaturthema sein
Der Aufzug in Horb sollte deshalb nicht als isoliertes Technikproblem gesehen werden. Er ist ein Mahnmal dafür, dass die Deutsche Bahn ihre Infrastruktur nicht nur digital, sondern vor allem physisch modernisieren muss.
Barrierefreiheit darf kein Reparaturthema sein, sondern ein Qualitätsmerkmal. Solange alte Aufzüge stillstehen und Ersatzteile handgefertigt werden müssen, bleibt die Bahn weit entfernt von ihrem Anspruch, Verkehrsmittel für alle zu sein.
„Ich bin mal gespannt, wie die neue Bahnchefin mit dem Thema Barrierefreiheit umgeht“, teilte Alexander Ahrens, Geschäftsführer der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland e. V., Dachorganisation der Zentren für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, den Kobinet-nachrichten mit, und spricht damit wohl vielen Betroffenen aus der Seele.