Ute Tatzel-Nowel nach geglücktem Einstieg in einen Bus. Foto: Privat

Der öffentliche Raum sollte eigentlich für alle erlebbar sein, ist es aber oftmals nicht.

„Steffen“, sagt Ute Tatzel-Nowel, „du bist von uns zweien der Optimist.“ Er, Steffen Baumgart, ist am anderen Ende der Leitung, breit grinsend, jetzt schweigend. Sekunden zuvor sprach er darüber, wie mobil er als Rollstuhlfahrer im Zollernalbkreis ist, konkret im schönen Balingen, und deswegen gibt sich Tatzel-Nowel auch keinerlei Mühe, ihren sarkastischen Unterton zu verbergen.

 

Gleich wird sie Baumgarts Gegenpart als Pessimistin einnehmen. Sie möchte die Situation nicht schönreden, und sie kann es auch nicht.​

Seit Januar 2022 gilt in Deutschland prinzipiell die Pflicht zur Barrierefreiheit an Bushaltestellen. Umsetzen müssen es die Kommunen. Die wiederum, man hörte es bereits zuhauf, stehen vor klammen Kassen und leiern sich mitunter die letzten Cents aus den Rippen.

Probleme auch anderswo

Daher benötigen manche Bushaltestellen mitunter länger. Doch das bloße Anheben des Bordsteins rettet die Barrierefreiheit als Ganzes nicht – die Probleme liegen (auch) anderswo.

„Balingen“, sagt Tatzel-Nowel, „ist vielleicht eine 2-3, vor allem seit der Gartenschau hat sich da viel Positives getan“. Sie ordnet Städte und Gemeinden im Zollernalbkreis nach Schulnoten. Burladingen, zum Beispiel, gibt sie eine 4-, Albstadt eine 3-, bei Hechingen ist die Benotung schwieriger. „Es liegt da natürlich auch an der Topografie“, räumt Tatzel-Nowel ein. Aber sie käme trotzdem nicht über eine 3 oder 3- hinaus. Besonders treffe es die Randgebiete, „da wird nur selten gefahren. Die Bereiche sind schlecht versorgt.“

Doch auch wenn der Bus kommt – für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ist es trotzdem keine Selbstverständlichkeit, dass die Mitfahrt ohne Weiteres klappt. „Manche Busfahrer senken ihren Bus nicht von sich aus ab“, sagt Baumgart. Da müsse man verbal immer wieder nachhelfen. Wieder andere vergessen, die Anzeige im Bus anzuschalten. „Für Leute, die schlecht hören oder sehen, sind solche Fehler fatal“, sagt Tatzel-Nowel. Denn es gehe ja nicht nur um Menschen im Rollstuhl. Menschen mit Kinderwagen, mit Knieproblemen, mit Rollator oder nur mit schweren Einkäufen profitieren genauso von barrierefreier Infrastruktur.

Zugfahrten sind Thema für sich

Derweil sind selbst Zugfahrten ein Thema für sich. Wer Unterstützung bei der Mitfahrt benötigt, muss das im Vorfeld bei der Bahn anmelden. Spontane Reisen sind damit also nicht ohne Weiteres möglich. „Und dann stellen Sie sich vor, es gibt eine Durchsage am Bahnhof“, sagt Ute Tatzel-Nowel, „bei der angekündigt wird, dass sich der Zug verspätet, weil einem Rollstuhlfahrer geholfen werden muss.“ Die Blicke der anderen seien nur schwer auszuhalten.

Dabei geht es weder ihr noch Steffen Baumgart darum, ständig nur zu lamentieren. „Wir wollen im Prinzip nur aufzeigen, wie es gehen kann, in kleinen Schritten“, konstatiert Tatzel-Nowel. Es höre sich aus gesellschaftlicher Sicht immer so an, als würden sich Menschen im Rollstuhl fortlaufend über alles beschweren.

Dabei, will man meinen, können sie am wenigsten dafür, dass die Welt so gebaut wurde, dass sie nicht für alle gleichermaßen erlebbar ist. Etwa dann, wenn es schon am bloßen Besuch eines Restaurants scheitert.

Inklusion gescheitert?

Menschen mit Behinderung wird generell immer wieder vorgeworfen, es gehe ihnen um „Luxus“ und überhöhte Ansprüche an ihre Umwelt, wie jüngst auch vier Oberbürgermeister behaupteten. Tübingens OB Boris Palmer etwa erklärte die Inklusion hierzulande für „komplett gescheitert“.

Der Verein „DownTown Hechingen“ reagierte in einer Stellungnahme auf die viel diskutierte Aussage mit „deutlicher Irritation“. „Inklusion ist kein freiwilliges Zusatzangebot, das je nach Haushaltslage zur Disposition gestellt werden kann“, heißt es darin. „Sie ist ein Maßstab dafür, wie ernst wir es mit Menschenwürde, Solidarität und gesellschaftlicher Verantwortung meinen.“

Worte, auf die Tatzel-Nowel und Steffen Baumgart hinweisen. Damit Menschen ohne Beeinträchtigung einen Einblick in ihre Lebensrealität gewinnen, schlagen sie einen gemeinsamen Tag im ÖPNV vor. Um dann abzugleichen, wie sehr es dabei noch um Luxus geht – oder schlichtweg um eine zumutbare Teilnahme am öffentlichen Leben.