Viele Frauen in Baden-Württemberg nehmen Medikamente ein – ohne zu wissen, was diese im Falle einer Schwangerschaft für Auswirkungen haben. Die Krankenkasse Barmer hat in Folge einer Studie nun die Hauptprobleme benannt.
Stuttgart - Bestimmte Arzneimittel gegen Akne, Schuppenflechte oder Epilepsie werden mitunter jahrelang eingenommen, können aber plötzlich zur Gefahr werden – wenn die Patientinnen schwanger werden. Diese Medikamentengruppe, fachsprachlich Teratogene genannt, kann unter anderem das zentrale Nervensystem von Ungeborenen schädigen. Mehr als 60 Jahre nach dem Contergan-Skandal sei dies noch immer ein Problem, wie die Krankenkasse Barmer GEK Baden-Württemberg betont: Ihrem aktuellen Arzneimittelreport zufolge erhielten allein bei der Barmer im Jahr 2018 fast 178 000 Frauen zwischen 13 und 49 Jahren in Baden-Württemberg sogenannte teratogene Arzneimittel. Das entspreche einem Anteil von mehr als sieben Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter.
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Medikamente für Frauen sollen grundsätzlich geprüft werden
Gleichzeitig gaben im Rahmen einer Umfrage bei 1300 Versicherten, die im vergangenen Jahr entbunden hatten, ein Drittel (32 Prozent) der Frauen mit geplanter und nahezu zwei Drittel der Frauen (69 Prozent) mit ungeplanter Schwangerschaft an, dass ihre Arzneimitteltherapie vorher von Ärzten nicht abgefragt worden sei. „Wir fordern, dass die Medikation von jungen Frauen grundsätzlich auf kindsschädigende Risiken geprüft wird“, sagt der Landesgeschäftsführer der Barmer Baden-Württemberg, Winfried Plötze. Und zwar unabhängig von einer Schwangerschaft: „Der Schutz des Kindes muss schon vorher beginnen.“ Momentan sei eine Kontrolle kein Standard.
Es hapert an der Kommunikation zwischen Ärzten und Patientin
Das Hauptproblem ist nicht die Neuverordnung, sondern die Fortführung von bestehenden Teratogen-Therapien. So nehmen 17,7 Prozent der Frauen in Baden-Württemberg zwischen 13 und 49 Jahren mindestens ein Medikament regelmäßig ein. Wird die Patientin schwanger, erfahren die verordnenden Hausärzte und Fachärzte davon erst spät, warnt Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der Barmer. Gleichzeitig hat der behandelnde Gynäkologe oft keinen Überblick, welche Medikamente die werdende Mutter einnimmt. Das kann dazu führen, dass Teratogene nicht rechtzeitig abgesetzt oder ersetzt werden, sofern möglich.
Krankenkasse fordert Rechtsanspruch für Medikamentenplan
Ändern könnte dies ein Rechtsanspruch auf den bundeseinheitlichen Medikationsplan. Bislang haben diesen aber nur Frauen, die dauerhaft mindestens drei Arzneimittel gleichzeitig einnehmen. „Ein Fehler“, sagt Marschall. „Das Risiko für das ungeborene Kind hängt nicht von der Anzahl, sondern von der Art des verordneten Medikaments ab.“ Auch müssten Frauen besser und wiederholt über die Risiken von verordneten Medikamenten aufgeklärt werden. Laut Umfrage setzt jede Fünfte ihre Medikamente ab, teils auch ohne ärztliche Rücksprache. Laut Marschall passiere dies vor allem aus Angst, dass das Ungeborene durch die Einnahme geschädigt werde.
Hier finden Frauen Hilfe
Bislang können sich Frauen beim Embryonaltoxikologischen Instituts der Charité informieren (www.embryotox.de). Auch die Barmer hat ein Info-Portal – etwa zur Medikamenteneinnahme bei akuten Erkrankungen während der Schwangerschaft: www.barmer.de/s000073.