Erst Demure, dann Brat: Barbie No. 1 aus dem Jahr 1959 Foto: Mattel, Inc.

Spielzeugklassiker, Modeikone, fragwürdiges Schönheitsideal, Hassfigur der Frauenbewegung, Filmstar: Das Design Museum London zeigt die ganze Barbie-Story.

Wer Barbie sagt, muss auch Lilli sagen. Lilli war zwar kein blondes All-American-Girl, sondern eine Wirtschaftswunder-Singlefrau aus Neustadt bei Coburg, aber auch sie hatte schon diese unverschämt schmale Taille, die kokett geschwungenen Augenbrauen, den blonden Pferdeschwanz, eine ansehnliche Modekollektion – und einen Körper aus Hartplastik. Und hätte Ruth Handler nicht 1956 mit ihren Kindern Barbara und Kenneth bei einer Urlaubsreise durch Europa eine dieser Anziehpuppen in einem Schaufenster in Luzern entdeckt, hätte es Barbie, die meistgekaufte Puppe der Welt, wahrscheinlich nie gegeben.

 

So aber kann das Design Museum London in einer herrlich opulenten, wunderbar pink gestalteten Ausstellung die Erfolgsgeschichte dieses Spielzeugklassikers erzählen: „Barbie: The Exhibition“. Was die Schau in London deutlich macht, ist aber auch, dass die Barbie-Welt viel vielfältiger ist, als gerne behauptet. Barbie ist nicht immer blond, Barbie ist nicht immer superschlank, Barbie trägt nicht immer Pink, Barbie genügt es längst nicht mehr, nur als Modepüppchen für dumm verkauft zu werden.

Barbie ist blond oder brünett

Schon die „Barbie No. 1“, die am 9. März 1959 bei der American International Spielzeugmesse in New York City vorgestellt wurde und die einen Badeanzug mit schwarz-weißem Zebramuster trug, gab es in den Varianten Blond und Brünette. Und obwohl die Prognosen der Wirtschaftsexperten vernichtend waren, weil man sich sicher war, dass eine Puppe, die ein „Teenage Fashion Model“ darstellen soll, viel zu erwachsen aussieht, um für Kinder als Spielzeug interessant zu sein, war die Nachfrage so groß, dass der Spielzeughersteller Mattel in den ersten drei Jahren mit der Produktion weit hinter der Nachfrage zurück blieb. 1961 kam deshalb auch noch Barbies Begleiter Ken auf den Markt, der seinen Namen ebenfalls einem von Ruth Handlers Kindern verdankt.

Und obwohl die klassische blonde Barbie-Variante immer noch die berühmteste und meistgekaufte ist, erlebt man in der Ausstellung in London eine unheimlich große Vielfalt. Auch wenn all den Barbies, die sich hier tummeln, gemeinsam ist, dass sie alle ein großartiges Leben in einer fantastischen Plastikwelt führen – ganz wie es in dem Aqua-Song „Barbie Girl“ heißt: „I’m a Barbie girl, in the Barbie world/ Life in plastic, it’s fantastic!“

Blick in die Ausstellung Foto: Design Museum/Jo Underhill

Sie ist divers und emanzipiert

Doch nachdem dem Mattel-Konzern lange Zeit zu Recht vorgeworfen wurde, dass die Barbiepuppe zum einen für ein antiquiert-reaktionäres Frauenbild steht und zum anderen mit ihren unrealistischen Körpermaßen einen fatalen Einfluss auf das Selbstwertgefühl heranwachsender Mädchen hat, hat sich das Unternehmen inzwischen darum bemüht, Barbie divers und emanzipiert neu zu erfinden.

In Barbies pink-fantastischer Plastikwelt kann Frau inzwischen alles sein: Ärztin, Astronautin, Wissenschaftlerin, Fußballerin oder Rockstar. Sie kann jede Haar- und jede Hautfarbe und die unterschiedlichsten Körpermaße haben. Die Ausstellung in London führt dabei nebenbei wunderbar vor, wie das Design der Puppe ständig an den jeweiligen Zeitgeist angepasst wurde. Zum Beispiel auch dadurch, dass Barbie seit 1971 nicht mehr scheu zur Seite blickt, sondern einem selbstbewusst in die Augen schaut: Brat statt Demure!

Blick in die Ausstellung Foto: Design Museum/Jo Underhill

Falls Sie sich übrigens fragen, was aus Lilli geworden ist, die eigentlich ein Merchandising-Artikel für den „Lilli“-Comic war, der zwischen 1951 und 1962 in der „Bild“-Zeitung erschien: 1964 kaufte Mattel die Rechte an der Puppe, stoppte die Produktion und schaltete damit die Konkurrentin aus. So freundlich-unverbindlich Barbie in allen ihren Variationen lächelt, in diesem Hartplastikkörper steckt doch stets eine knallharte Geschäftsfrau.

Barbie: The Exhibition. Ausstellung bis 23. Februar 2025 im Design Museum London. Öffnungszeiten: Mo–Do 10–17 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr.