Kino-Vollteffer: „Barbie“ mit Margot Robbie. Foto: IMAGO/NurPhoto/IMAGO/Beata Zawrzel

Die Filme „Barbie“ und „Oppenheimer“ sorgen auch im Stuttgarter Arthaus-Kino Delphi für einen Ansturm. Was passiert da? Delphi-Geschäftsführer Simon Erasmus weiß Antwort.

Die Filme „Barbie“ und „Oppenheimer“ lassen die Kinos jubeln – das Publikum ist begeistert. „Barbie“ ist aber nicht nur ein Fall für die Groß-Kinos. Auch im Stuttgarter Arthaus Kino Delphi füllen die neue Sicht auf Barbieland und „Oppenheimer“ die Plätze. Was passiert da? Delphi-Geschäftsführer Simon Erasmus weiß Antwort.

 

Herr Erasmus, „Barbie“ füllt nicht nur die großen Kinos. Auch im filmisch ambitionierten Delphi ist der Film ein Renner. Richtig?

Tatsächlich haben sowohl Barbie als auch Oppenheimer in der vergangenen Kinowoche zu einem Ansturm geführt den wir lange nicht hatten. Was nicht heißen soll, dass unsere Kinos in den vergangenen Monaten seit Ende der Coronapandemie schlecht lief, im Gegenteil, wir hatten ein gutes erstes Kinohalbjahr und haben bereits früher als erwartet die Besucherzahlen von vor der Pandemie übertroffen.

Delphi-Chef Simon Erasmus Foto: SE/Delphi-Kino

Da kommen „Barbie“ und „Oppenheimer“ ja punktgenau.

Ja, der Ansturm der letzten Tage toppt alles, was wir in den mehr als 20 Jahren, in denen wir nun das Delphi Arthaus Kino betreiben, erlebt haben. So viele Tickets in einer Spielwoche haben wir seit 2001 nicht verkauft.

Geht also die Rechnung der Geldgeber auf, bei der Besetzung des „Barbie“-Regiepostens ins Risiko zu gehen?

Es scheint so, denn nicht nur bei uns im Arthaus Kino, sondern quer durch die Republik und die ganze Welt ist der Filmstart von „Barbie“ ein riesiger Erfolg. Das zeigt einmal mehr, dass die Kinobesucher:innen immer offen für „Neues“ sind und lieber einen Film einer jungen Arthaus-Regisseurin mit neuem/alternativen Erzählansatz sehen möchten, als das zehnte Sequel eines Marvel Films, das immer nach dem selben Schema erzählt ist.

Ausdrücklich zielt „Barbie“ ja auf die Anfang 30-Jährigen. Genau diese Generation bräuchten Sie ja auch verlässlich im Kino. Kommen sie?

Auch hier sind wir sehr glücklich, dass wir nach Ende der Pandemie noch mehr „jüngeres“ Publikum im Alter zwischen 25 und 40 Jahren bei uns im Delphi Arthaus Kino begrüßen als bereits vor der Pandemie.

An was liegt’s?

Zum einen sicherlich an der neuen Programmausrichtung mit jungem, mutigen und abwechslungsreichem Independent/Arthausfilmen, die wir fast ausschließlich in der Originalfassung – teils mit deutschen Untertiteln – zeigen, zum anderen mit der grundsätzlichen Entwicklung, dass in meinen Augen Netflix und Amazon Prime ein wenig den Glanz des Neuen verloren haben und die Menschen nach mehr als zwei Jahren der Pandemie wieder große Lust darauf haben, Filme in der Gemeinschaft zu erleben statt im kleinen Kreise auf der heimischen Couch.

Das Publikum sucht das Besondere?

Die Magie des Kinos kann kein noch so großer Heimfernseher nach Hause transportieren. Bereits vor Barbenheimer haben Film wie Wes Andersons „Asteroid City“, der Oscar-Abräumer „Everything Everywhere all at once“ oder „Triangle of Sadness“ die jüngeren Generationen in Scharen zurück ins Kino geführt und begeistert.

Wirkt dann das ungleiche Doppel umso mehr? Dieser Parallelstart von „Oppenheimer“ und „Barbie“?

Mit Sicherheit hat auch der Doppelstart diese zwei ungleichen Filme von großartigen Regisseuren mit Independentwurzeln dazu geführt, den Hype zu befeuern. Normal wäre gewesen, dass einer der beiden Filmverleiher – Warner bei „Barbie“ und Universal bei „Oppenheimer“ – den Starttermin wechselt, da zwei so große Filme sich sonst die vorhandenen Kinoleinwände streitig machen. Hier hat aber keiner der beiden Filmverleiher einen Rückzieher gemacht.

Zuweilen wirkte es tatsächlich wie eine Verabredung.

Ja, beide Filmcrews haben den Wettbewerb, welcher Film den besseren Start haben wird, sportlich genommen und der Promo auf den üblichen SocialMedia-Kanälen eine sehr humorvolle Note gegeben. indem sie jeweils sogar für den „Konkurrenzfilm“ geworben haben.

Ein Beispiel?

„Barbie“- Regisseurin Greta Gerwig und Hauptdarstellerin Margot Robbie haben sich vor einem „Oppenheimer“-Poster mit zwei Tickets für eine Premierenvorstellung von „Oppenheimer“ in der Hand fotografieren lassen und dies in den SocialMedia-Kanälen gepostet. Außerdem ist natürlich die Unterschiedlichkeit der beiden Filme – hier das quietschpinke „Barbieland“, dort der düstere Oppenheimer ein wunderbares Thema.

Zurück nach Stuttgart. Das Delphi-Umfeld, die Tübinger Straße, hat sich geändert. Was bedeutet das eigentlich für Ihr Kino? Ist der Schritt vom Abspielort hin zu einem wirklichen Treff einfacher geworden?

Das Gerberviertel mit der Tübinger Straße hat sich in den vergangenen Jahren sehr zu unserem Vorteil gewandelt. Die Struktur mit vielen, kleineren inhabergeführten Läden und Restaurants, die Aufwertung der Paulinenbrücke beziehungsweise des Österreichischen Platz durch die Stadtlücken Initiative und Das Gerber sowie die Verkehrsberuhigung haben das Quartier stark aufgewertet und zu einer deutlich höheren Lauffrequenz geführt, wovon wir als Kino natürlich profitieren.

Auch das Delphi selbst hat sich geändert...

Tatsächlich gehört für viele Gäste zu einem gelungenen Kinoabend nicht nur der reine Kinobesuch, sondern danach auch der Gang in ein Restaurant oder eine Bar, um über den Film zu sprechen und den Abend ausklingen zu lassen. Die tollen Bars und Restaurants in der direkten Umgebung wie die Caffée-Bar in der Torstraße, das Kaffee Queer oder das Restaurant Noa bereichern uns da sehr. Aber ja – auch wir als Kino selbst haben etwas getan und während der coronabedingten Schließungszeit unseres Kinos das Foyer umgebaut. Das Publikum kommt gerne entspannt an und will auch nicht gleich nach Filmende wieder weg – darauf haben wir reagiert.

Was glauben Sie – wie lange wird das Doppel „Barbie“/„Oppenheimer“ in Ihrem Programm ganz vorne bleiben?

Beide Filme sind ja gerade erst mit wahnsinnigem Erfolg gestartet. Das schöne an beiden Filmen ist, dass sie die hohen Erwartungen des Publikums erfüllen und die Gäste begeistern, so dass der Hype sicher nicht abebben sondern eher noch ansteigen wird. In meinen Augen sind beide Filme ein must see! Insofern werden beide Filme sicher die nächsten Wochen weiterhin das Kinogeschehen dominieren, auch wenn mit dem neuen Eberhofer-Krimi „Rehragout-Rendezvouz“ vor allem im süddeutschen Raum ab dem 10. August ein sehr unterhaltsamer Film ins Rennen geht, der allerdings ein ganz anderes Publikum ansprechen wird.

Und was empfehlen Sie denen, die „Barbie“ und „Oppenheimer“ schon gesehen haben?

Ein grandioser Erzählfilm ist der koreanisch-amerikanische Film „Past Lives – In einem anderen Leben“, ein Film über große Gefühle, der ganz leise, fast unscheinbar daherkommt. Das ist eine wunderbar kluge Reflexion über Identität, Migration und das Verhältnis von Spiritualität und Weltlichkeit.