Als fast völlig geschreddertes Kunstwerk ist „Love is in the Bin“ des Briten Banksy weltbekannt. Nun wird das Bild versteigert. Nur Spekulation? Nur Sensation?
Stuttgart - Banksy – dieser Name steht weit über die Kunstwelt hinaus für Ereignisse und Spektakel voller Fantasie und Poesie. Noch immer weiß niemand wirklich, wer hinter dem britischen Künstler steckt. In ständigem Jagdfieber wird nach Banksy-Spuren gefahndet – und immer wieder gilt alle Spannung jenem Moment, in dem der Aktionskünstler ein Motiv als echten Banksy bestätigt.
Sehnsuchtsbild „Girl with balloon“
Ein kleines Mädchen mit Ballon ist solch ein Motiv, wird – millionenfach im Internet verbreitet – zur Ikone. Voller Sehnsucht, voller Hoffnung. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit, als „Girl with balloon“ 2018 in einer Versteigerung des Londoner Auktionshauses Sotheby’s angekündigt wird. Nicht als Wandstück etwa, sondern als eine der seltenen Papierarbeiten. Welche Preishöhen wird das kleine Blatt in einem überraschend aufwendigen, gedrechselten Rahmen erreichen?
Kunst, die sich selbst zerstört
Im Oktober 2018 wird „Girl with balloon“ bei Sotheby’s aufgerufen. Kaum aber verkündet Auktionator und Sotheby’s-Chairman Oliver Barker den neuen Banksy-Rekord von 1,2 Millionen Euro, geschieht noch nie Dagewesenes: Ein im Rahmen versteckter Selbstzerstörungsmechanismus setzt ein, mehr als die Hälfte des Blatts wird geschreddert. Sofort blühen die Spekulationen. War Sotheby’s eingeweiht? Ging es um die pure Sensation? Und warum stockte der Mechanismus auf den letzten Zentimetern?
„Outlaw der Kunstwelt“
„Auktionen“, sagt Oliver Barker jetzt, „sind Live-Theater, und wie bei jeder Live-Produktion müssen wir uns auf alle Eventualitäten vorbereiten. Aber wir wurden ,gebanksyd’, von Banksy überrascht – und darauf kann man sich nie vorbereiten“. Und der Sotheby’s-Chairman geht noch weiter: „Banksy“, sagt er, „ist der ultimative Outlaw der Kunstwelt, und in einem erheiternden und zugleich schockierenden Moment, wurde Sotheby’s unfreiwillig zur Bühne für seine kühne Performance.“
Ein neues Werk entsteht
Zu dieser gehört im Oktober 2018 auch, dass Banksy selbst alle Fake-Diskussionen beendet. Er erklärt seine eigentlich doch zerstörte Arbeit „Girl with balloon“ zu einem neuen Kunstwerk. Der Titel: „Love is in the Bin“ – Die Liebe ist im Eimer. Und wie reagiert jene Käuferin, die doch eigentlich unbedingt „Girl with balloon“ ersteigern wollte? Die Frau bleibt bei ihrer Kaufentscheidung – und dass die international aktive Sammlerin aus dem Südwesten kommt, sorgt bald für neue Auftritte des Schredder-Bildes. Zunächst im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, dann fast für ein ganzes Jahr in der Staatsgalerie Stuttgart.
Das Schredderbild wird Kult
In beiden Häusern ist der Andrang enorm. Banksy sorgt für Publikumsschlangen – ein Segen vor allem für die von Sanierungsarbeiten und Dauerbaustellen in unmittelbarer Umgebung gebeutelte Staatsgalerie.
Neues Publikum im Museum
Wie hat deren Direktorin, Christiane Lange, die Ankunft von „Love is in the Bin“ in Stuttgart in Erinnerung? „Als enormes Medienspektakel“, sagt Lange unserer Zeitung. „Nie zuvor hatten wir bei einer Ausstellungseröffnung so viel Presse im Haus. Vor allem aber so viel unterschiedliche Presse, von einschlägigen Fachmagazinen über Vertreter regionaler und überregionaler Zeitungen bis hin zum Boulevard.“ In Sachen Banksy ebenso wichtig: Zahlreiche Blogger künden auf ganz eigene Weise im Internet von Banksy in Stuttgart – und sorgten so wesentlich für „ein ganz anderes Publikum“.
70 000 wollen Banksy sehen
„Alle suchen Banksy. Wir haben ihn“, wirbt die Staatsgalerie seinerzeit – und bei einer Publikumsveranstaltung unserer Zeitung im Mai 2019 sagt Christiane Lange: „Seit 7. März, seit der Ankunft dieses besonderen Gastes, haben sich unsere Besucherzahlen in der Sammlung um 200 Prozent erhöht.“ Von 200 000 Menschen, die 2019 die Staatsgalerie besuchen, werden am Ende 70 000 Banksys in wechselnden Sammlungszusammenhängen präsentierten „Love is in the Bin“ zugeschrieben.
Der Erfolg provoziert Kritik
Ein Erfolg, der auch von Kritik begleitet ist. Das schöne Wort „unterkomplex“ fällt bei einer der vielen Gesprächsrunden, die das Museum zu Banksy organisiert. Damals wie heute widerspricht die Staatsgalerie-Chefin heftig: „Love is in the Bin“, sagt Christiane Lange unserer Zeitung, „ist das Werk eines Gegenwartskünstlers, der sich künstlerischer Traditionen bewusst ist und sich, wie alle Künstler, in der Kunstgeschichte bedient“.
„Love is in the Bin“-Auktion am 14. Oktober
Bittere Ironie: Gerade die Ernsthaftigkeit, mit der die Staatsgalerie Stuttgart Banksys Schredder-Werk präsentierte, wird nun zum Bumerang. Das alte Misstrauen, Museen würden durch die Zusammenarbeit mit privaten Sammlerinnen und Sammlern zu „Durchlauferhitzern“, ist geweckt, als Sotheby’s vor wenigen Tagen eine überraschende Ankündigung macht. „Wir freuen uns darauf“, sagt Chairman Oliver Barker, „,Love is in the Bin’ in diesem Herbst wieder in den Räumen begrüßen zu dürfen, in denen es entstanden ist“. Am 14. Oktober wird „Love is in the Bin“ (wieder mit Barker am Pult) in einer Abendauktion in London versteigert – mit einem Schätzwert von fünf bis sechs Millionen Euro. Bei einem Zuschlag hätte sich der Preis seit Oktober 2018 mehr als vervierfacht.
Banksy gesucht – Kunst gefunden
Bleibt da bei aller Stuttgarter Banksy-Freude nicht doch ein fahler Nachgeschmack? Die Staatsgaleriechefin winkt ab. „Love is in the Bin“, sagt sie, „ist gewissermaßen eine zeitlose Kritik an der gegenwärtigen Form des Kapitalismus, die jene Kritik an sich abprallen lässt, indem sie sie zur Ware macht. Das macht dieses Werk und seine Geschichte so vielschichtig und interessant“. Und auch bei der Frage, was in der Staatsgalerie von Banksy bleibt, muss Christiane Lange nicht lange nachdenken: „Dass Menschen Banksy gesucht und noch viel mehr Kunst gefunden haben.“
„Girl“-Druck startet bei 250 000 Euro
Bei Sotheby’s hat man sich derweil schon mal warm gelaufen in Sachen Banksy. Von 10. bis zum 17. September kamen erneut Papierarbeiten unter den Hammer – darunter auch einer von 150 Drucken des selbst zerstörten „Girl with balloon“-Originals. Der Aufrufpreis: Mindestens knapp 250 000 Euro. Der Zuschlag? Erfolgte bei 550 000 Euro.
Banksy in Kürze
Was man weiß
Banksy ist das Pseudonym eines britischen Streetart-Künstlers. Seine Schablonengraffiti tauchten zunächst vor allem in Bristol und London auf. Banksy erlangte weltweite Bekanntheit. Es gibt Spekulationen, wonach der Schweizer Künstler Maître de Casson Banksy ist – Maître de Casson bestreitet dies auf seiner Webseite –, oder dass Banksy eine Frau oder Teil eines Kollektivs sei.
Die Methode
Banksy bedient sich der Taktiken der Kommunikationsguerilla. Inspiriert wird er nach eigenen Angaben von Robert del Naja alias 3D, Frontmann der britischen Trip-Hop-Band Massive Attack. Wie dieser sucht Banksy eine alternative Sichtweise auf politische und wirtschaftliche Themen – und verändert und modifiziert dabei oftmals bekannte Motive und Bilder. Er nahm Auftragsarbeiten für wohltätige Zwecke an (beispielsweise für Greenpeace) und gestaltete eine Reihe von CD-Covern, unter anderem für das Label Wall of Sound sowie 2003 für die Band Blur.
Die Entwicklung
Im Oktober 2013 verkauft ein Mann in der Nähe des Central Park Banksy-Bilder für je 60 Dollar. Im Oktober 2018 wird die Farbstift-Zeichnung „Girl with Balloon“ bei Sotheby’s in London für 1,2 Millionen Euro versteigert. Von Banksy selbst geschreddert, wird das nun „Love is in the Bin“ genannte Werk am 14. Oktober bei Sotheby’s (erneut) versteigert.