Die Tänzerinnen der Oberstufen-Klasse zeigen ihre Lieblingsposen im Ballett – scheinbar mühelos. Foto: Dunja Kuster

Ballettlehrer Armin Weiß veranstaltet eine Zuschauerwoche in seiner Ballettschule am Ebinger Ziegelplatz. Dort zeigen Schüler verschiedener Klassen, was sie gelernt haben – und wie bereichernd die Tanzform für andere Bereiche des Lebens sein kann.

„So, jetzt machen wir ein rond de jambe, fondu nach hinten, viermal und gehen dann in den Plié“, sagt Ballettlehrer Armin Weiß den Kindern seiner Klasse 1B. Diese nehmen ihre Positionen an der Ballettstange ein und führen konzentriert ihre Bewegungen aus aus.

So wird auch den Gästen klar, die zur Zuschauerwoche in die Ballettschule Armin Weiß gekommen sind, was gemeint ist: Mit geradem Rücken stehen die Kinder da, die Füße bilden mit den Zehen nach außen eine gerade Linie, die Beine sind geschlossen. Der rechte Fuß wird nach hinten gestreckt und bewegt sich in einem großen Kreis vier Mal nach vorne, ehe die Kinder ihre Beine beugen – die Knie zeigen nach außen. Dieselben Bewegungen werden mit dem linken Fuß wiederholt.

„Das sind gute Grundlagen“, lobt Weiß seine Schützlinge, die ein- bis zweimal die Woche zum Unterricht kommen – außer Selina, die komme dreimal pro Woche. „Wenn ich könnte, würde ich die Schüler selbst einteilen“, erklärt er. „Aber da machen mir Schule und Gesellschaft einen Strich durch die Rechnung.“

„Kaum einer will mehr Verpflichtungen eingehen“

Damit meint Armin Weiß nicht nur den Nachmittagsunterricht, der immer mehr Raum einzunehmen scheint: „Das Problem ist, dass kaum einer mehr eine Verpflichtung eingehen will – gegenüber sich selbst, anderen und einer Sache.“ Kaum einer wolle noch rausgehen oder ins Schwitzen geraten.

Auch seine Tochter Emma Weiß hat den Eindruck, dass viele verlernt hätten, sich zu bewegen, wie sie sagt: „Die zweieinhalb Jahre Corona waren da schon sehr prägend, und jetzt ist es schwer, wieder reinzukommen.“ Und was das Schwitzen angeht: Das darf man ihrer Meinung nach ruhig sehen. „Sonst kommt man am Ende noch auf den Gedanken, dass Ballett nicht anstrengend sei.“

Der Gedanke scheint tatsächlich zu entwischen, als die Schülerinnen der Oberstufe ihr Können zeigen: Ruhig und gelassen wirken die Gesichter, wenn zum Beispiel beim Adagio die Beine in der Luft zu verharren scheinen. Erst, als die Übung vorbei ist, holen alle tief Luft und greifen zur Trinkflasche.

An mehreren Tagen üben die Tänzerinnen in Albstadt

Die Anstrengung aber lohnt sich, finden Emma Weiß und Gymnasiastin Emely Buschbacher. „Es ist ein toller Ausgleich“, meint Buschbacher. Fünfmal pro Woche geht sie in die Ballettschule – und profitiert davon nicht nur tänzerisch: „Dadurch, dass ich mir im Ballett so viele Schritte merken muss, kann ich mir auch in der Schule mehr merken.“

Training an sechs Tagen pro Woche

Dem kann Emma Weiß nur zustimmen: Sie geht an sechs Tagen pro Woche zum Ballett – „nebenberuflich“. Hauptberuflich trainiert sie als Skiakrobatin auf olympischem Niveau. „Ballett gibt einem so viel“, erklärt sie. „Es ist eine Kunstform, bei dem Körper und Geist gleichsam trainiert werden.“

Geduld ist auch im Ballett eine wichtige Tugend

Die Einheit von beidem können die Zuschauer bestaunen, als die Oberstufen-Schülerinnen ihre neueste Choreographie vorführen. Arbeitstitel: „Concentrated Power“ – konzentrierte Kraft. Langsam, bedächtig und doch energisch und zielstrebig führen sie jede einzelne Bewegung aus, während Geige und Cello die Spannung in die Höhe treiben.

Die Zuschauer jedes Alters sind hellauf begeistert. „Herr Weiß, darf ich mit Rock tanzen?“, fragt ein Kind aus der 1B. Das komme darauf an, sagt Weiß. „Kannst du denn geduldig sein?“ Geduld – und das bestätigen die älteren Schülerinnen – sei eine wichtige Tugend, die man nicht nur im Ballett benötige. „Aber am Ende lohnt es sich“, sagt Weiß zuversichtlich.