Am 26. Juni jährte sich der Todestag John Crankos zum 50. Mal. Im Opernhaus erinnerten Weggefährten des Choreografen an dessen Vermächtnis – und an seine Visionen.
Genau 50 Jahre ist John Cranko, der Gründer des Stuttgarter Balletts tot, als sich am Montagabend auf der Bühne im Opernhaus eine Gesprächsrunde aus sieben seiner Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter sowie dem aktuellen Intendanten zusammenfand. Moderiert von Ballettsprecherin Vivien Arnold trugen Crankos Bühnenbildner Jürgen Rose, seine Choreologin Georgette Tsinguirides sowie aus seinem Ensemble Marcia Haydée, Birgit Keil, Vladimir Klos, Egon Madsen und Reid Anderson Erinnerungen an den Menschen und Künstler zusammen.
Neues gab es da für die vielen Ballettfans im Parkett kaum zu erfahren, dafür machten emotionale und humorvolle Einblicke die Person, um die es ging, greifbar. Verblüffend ist aus heutiger Sicht vor allem dies: Das Stuttgarter Ballett war vielleicht die erste klassisch aufgestellte Kompanie, in der Tänzerinnen und Tänzer zu Co-Choreografen wurden. Heute ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass Choreografen ihr Ensemble als Co-Autoren von Tanzstücken nennen.
Ensemble sollte sich einbringen
So weit war John Cranko zwar noch nicht; aber er überließ nicht nur seinen Stars viel kreativen Spielraum. Marcia Haydée erzählte, wie Cranko mit ihr und Ray Barra grob den Rahmen vorgab – und die Ausarbeitung eines Pas de deux den beiden überließ, während er sich auf den Weg in die Kantine machte. Zurück sei er mit dem Satz gekommen: „So Kinder, was haben wir!“ Ein dem Gespräch vorgeschalteter Beitrag aus einer alten Abendschau zeigt, wie Cranko in lockerer Atmosphäre bei einer Probe für ein „Carmina Burana“-Ballett auch das ganze Ensemble zum Ausprobieren ermunterte; Szenen im Garten-Akt von „Onegin“ sind, wie das Gespräch ausführt, ebenso in gemeinsamer Ideenfindung entstanden. Dass Cranko die Aufführungsrechte der hier choreografierten Stücke dem Stuttgarter Ballett übertrug, ist vielleicht Ausdruck des Respekts vor diesen Beiträgen.
Zu dieser Haltung passt Crankos Einsatz für eine bessere Bezahlung und die Gleichstellung seiner Tänzer mit dem Opernchor, wie Birgit Keil im Gespräch ausführte. Die Abschaffung der Ballett-Hierarchie, die er im Sinn hatte, scheiterte am Widerstand der Solisten, zeigt aber, was beim Gespräch auf der Opernhausbühne immer wieder gestreift wurde. „Cranko hatte das Talent, an jedem etwas Besonderes zu finden“, sagte Vladimir Klos. „Er hat in uns etwas gesehen, was wir nicht gesehen haben, und an uns geglaubt“, ergänzte Reid Anderson. „Er hat uns ermuntert, unser Wissen und alle Tricks an die nächste Generation weiterzugeben“, malte Birgit Keil das Bild Crankos als sozialem Menschenfreund aus.
Ein Tanzvisionär war er nicht
Ein Visionär, was den Tanz betrifft, war John Cranko zwar nicht. Seine Kunst habe das klassische Ballett als Bewegungslexikon, sagte er 1965 dem TV-Reporter, modern sei er nur, weil er heute arbeite und ein bisschen was von unserer Zeit zeige. Visionär war John Cranko, das nimmt man von diesem Ballettgespräch mit, vor allem durch die Art, wie er mit Menschen arbeitete. Seine große Gabe, von Beziehungen und Gefühlen wie kaum ein anderer über den Tanz erzählen zu können, hat sicherlich auch mit seinem Vertrauen in sein Ensemble und das Menschliche überhaupt zu tun.
Info
Termin
Bereits ausverkauft ist die Gala am 30. Juni, bei der sich das Stuttgarter Ballett im Opernhaus vor ihrem Gründer verbeugt – unter anderem mit einem rekonstruierten Auszug aus seinem letzten Ballett „Spuren“. Vom 13. Juli an treffen beim Ballettabend „Remember Me“ Crankos „Initialen“ auf MacMillans „Requiem“.
Künstler
John Cranko, 1927 in Südafrika geboren, übernahm 1961 die Leitung des Stuttgarter Balletts und schuf mit Werken wie „Romeo und Julia“, „Onegin“ und „Der Widerspenstigen Zähmung“ moderne Klassiker. Er starb am 26. Juni 1973 beim Rückflug von einer USA-Tournee.