Das Warten hat sich gelohnt: Das Stuttgarter Ballett ist zurück in der Gegenwart und blickt bei der Premiere von „Interaktion“ im Schauspielhaus über die Grenzen der eigenen Kunst.
Freudentag für viele im Publikum des Stuttgarter Balletts: Mit der Premiere des dreiteiligen Abends „Interaktion“ ist die Kompanie endlich zurück im Hier und Jetzt. Die Wartezeit war in dieser Saison auffallend lang. Gastspiele in den USA und China, dann der Ausflug ins „Nussknacker“-Land sorgten dafür.
Kein Wunder also, dass alle Vorstellungen ausverkauft sind; und das, obwohl „Interaktion“ keine Uraufführungen bietet, sondern von Stuttgarter Tänzern für andere Orte und Gelegenheiten Choreografiertes. Kein Wunder zudem, dass das Publikum bei der Premiere am Samstag in Schlussverkaufsmanier das Obere Foyer im Schauspielhaus stürmte, nachdem die Treppen und damit der Run auf die besten Plätze der dort spielenden Performance freigegeben waren.
Wer also einen guten Blick auf eines der drei Paare von „Untamed“ ergattert hatte, rührte sich nicht mehr vom Fleck. Das ist nicht im Sinne der Erfinder: Der Choreograf Martino Semenzato und die Künstlerin Donna Volta Newmen, die in ihrer Installation die Regenerationskräfte von Tänzer- und Waldkörpern ineinander weben, wollen Transformationsprozesse auf vielen Ebenen zeigen. Live an Cello, Perkussion und Gitarre gespielter Sound, Film, Tanz und Beweglichkeit in jedem Sinne fließen zusammen.
Getanzt wird Im Oberen Foyer auf einer Art Lichtung
Vortritt für Schwächere, freigehaltene Flächen zum Umhergehen könnten helfen. Denn es ist sehenswert, wie die Tänzer Samenkörnern gleich am Boden kauern, zu knarzenden Tönen aufkeimen, um in kraftvollen Bewegungen erst sich selbst, dann ihr Gegenüber zu erkunden. Der Tanz spielt auf drei Lichtungen, wo Papierelemente Natur andeuten, aber eigentlich überflüssig sind. Mehr Waldbilder hätte man sich dafür im Film gewünscht. Der schildert am Beispiel der Tänzerin Diana Ionescu konzentriert, was Verletzung für einen Körperkünstler heißt: Am Boden und fremdbestimmt gilt es, wieder auf eigene Beine zu kommen – ein fragiler Prozess.
Die Wandel- und Belastbarkeit von Künstlern ist Thema
Von ähnlichen Verwandlungen handeln auch die beiden Stücke im Saal. Wie befreit sich ein Künstler vom Druck familiärer, eigener und gesellschaftlicher Erwartungen? Am Beispiel von Franz Kafka zeigt Fabio Adorisio in „Oh Dear“ einen in zwei Figuren aufgespaltenen Protagonisten, der unter tief hängenden Scheinwerfern wie der Käfer seiner berühmten Erzählung ungemütlich erwacht.
Friedemann Vogel hängt dagegen in seiner mit Thomas Lempertz konzipierten Solo-Performance „Die Seele am Faden“ tatsächlich wie die Marionette in Kleists Essay zuerst in unsichtbaren Seilen, um schließlich auf eigenen Beinen zu tanzen und innere Bewegtheit zur Motivation zu machen.
Erst mitten unterm Publikum, dann in einem Geflecht an Beziehungen, am Ende im Dialog mit der auf der Bühne präsenten Musikerin Alisa Scetinina, die den Bewegungen von Friedemann Vogel punktgenaue Impulse gibt: Tanz ermöglicht an diesem Abend Dialoge über Grenzen. Der Titel „Interaktion“ ist somit gut gewählt, so wie auch seine drei Teile. Denn miteinander im Gespräch zu bleiben ist eine Kunst, die im Alltag gerade verloren geht. Das Publikum ist einverstanden und dankt mit viel Applaus.
Fabio Adorisio zeigt, wie sehr Franz Kafka litt
Mit dem künstlerischen Ich, aber auch mit einem schwierigen Umfeld klarzukommen: Franz Kafka hatte es nicht leicht, und Fabio Adorisio zeigt das in „Oh Dear“ in aller Ausführlichkeit. Martino Semenzato gelingt als Solist das sehr bedrückende Porträt eines Menschen, der seinen Weg sucht, der im Duett mit Geliebten (Mizuki Amemiya und Vittoria Girelli) und dem Freund Max Brod (Lassi Hirvonen) sein Straucheln auffängt, und der im Zwiegespräch mit seinem Autoren-Alter-Ego (Edoardo Sartori) Harmonie findet. Das ist bis zum berührenden Schlussbild präzise choreografiert und umgesetzt.
Die Kostüme von Thomas Mika weisen Rollen zu, sein Bühnenbild bringt Tinte zum Fließen. Und dennoch: Wem Kafkas Leben und Leiden fremd sind, der sieht einen Protagonisten, der sich an immer neuen Beziehungen abarbeitet, ohne so recht von der Stelle zu kommen. Und er wird die sechsköpfige Gruppe von Tintentropfen, die Schaffensdruck in einfachen Formationen abbilden, als eine dem Handlungsballett geschuldete Konvention empfinden. Erzählt wurde in der Ur-Version „Lieber Franz“, die zum 100. Todestag Kafkas als Duett entstanden war, fast mehr. In der Neufassung ist das Drama zu sehr in die Musik-Collage von Marc Strobel abgewandert, die Tanz, Denken und Fühlen keine Pause gönnt.
Friedemann Vogel befreit sich von allen Zwängen
Pausen in einer knapp einstündigen, höchst ungewöhnlichen Power-Performance verschafft Friedemann Vogel in „Die Seele am Faden“ derweil ein projizierter Avatar. Die brüchige, hohle Kreatur macht zugleich deutlich, was der Star von perfekten, in sozialen Netzwerken geteilten Bildern seiner Kunst hält: Nichts, denn sie nimmt den Künstler wieder an die Kandare, die er eben doch ausgespuckt hat. Und trotzdem schaut man dem von Digital Artist Timo Kreitz gestalteten Abbild staunend zu, wenn es auf Spitzenschuhen Pirouetten dreht.
Vom scheinbar schwere-, aber seelenlosen Tanz bis zur in Wogen anbrandenden Freiheit, die innere und äußere Bewegtheit in Einklang bringt: Friedemann Vogel nutzt in diesem verblüffenden Solo, das auch vom Werden eines Künstlers erzählt, alle Möglichkeiten, seine in einer langen Karriere gesammelten Trümpfe auszuspielen.
Für den Schlussteil von „Die Seele am Faden“, in dem Friedemann Vogel die Harmonie von innerer und äußerer Bewegtheit mit großen Tanzgesten und strahlendem Lachen regelrecht feiert, hätte man ihm dennoch einen ebenso starken Choreografen an die Seite gewünscht. Doch auch so ist das Stuttgarter Publikum beim nachfolgenden Applaus einfach nur im Glück darüber, diesen Ausnahmetänzer begleiten zu dürfen.
Bis zum 30. Januar im Schauspielhaus; es gibt nur noch Restkarten an der Abendkasse.
Termine
Weitere Vorstellungen von „Interaktion“ gibt es bis zum 30. Januar im Schauspielhaus, für alle sind nur noch Restkarten an der Abendkasse verfügbar.