In einer sogenannten „Grow Box“ wachsen Cannabispflanzen. Die Grow Box ist legal. Auch Tomaten und anderes Gemüse kann darin gezogen werden. Foto: Dick

Der Balinger Suchttherapeut Martin Weise beschreibt, warum das Cannabis-Gesetz den Suchtberatungsstellen mehr Arbeit beschert. Er spricht zudem über gefährlichen Misch-Konsum, zeigt Zahlen für den Kreis – und macht seinem Ärger Luft.

Bei bei der Diakonischen Bezirksstelle ist Weise Fachbereichsleiter der Abteilung Suchtberatung. Seit Inkrafttreten des Cannabis-Gesetzes am 1. April diesen Jahres sieht Weise Veränderungen – positive wie negative. Wir haben nachgehakt.

 

Können Sie das Mehr an Arbeit kurz und knapp erklären, Herr Weise?

Vor allem haben wir damit zu kämpfen, uns in die neue Gesetzgebung, die Cannabis und Cannabisprodukte teillegalisiert und entkriminalisiert, einzuarbeiten. Neben der Suchtberatung sind da Jugendamt und Polizei beteiligt. Man hätte schon vor zwei Jahren Geld in die Hand nehmen müssen, um die beteiligten Institutionen auf die neuen Aufgaben vorzubereiten. Denn die Idee hinter dem Gesetz ist eigentlich beachtenswert.

Und die Idee wäre?

Den Cannabis-Konsum entkriminalisieren und den Schwarzmarkt zurückdrängen, der verunreinigte und schlechte Produkte in Umlauf bringt. Sowie den den Anbau von Cannabis in nicht kommerziellen „Social Clubs“ erlauben. Im Zollernalbkreis gibt es allerdings keine „Cannabis Social Clubs“.

Was passiert beim Konsum von Cannabis?

Cannabiskonsum ist immer mit gesundheitlichem Risiko verbunden. Bei unter 21-Jährigen, deren Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist, ist das Risiko erhöht. Schlechte Produkte steigern das Risiko langfristiger Schädigungen aber noch viel mehr – etwa die Entstehung von Psychosen, Depressionen und Intelligenzminderung. Allerdings: Der Mischkonsum von verschiedenen Drogen ist ein sehr viel größeres Thema.

Was genau meinen Sie mit Mischkonsum?

Zum Beispiel Alkoholkonsum bei gleichzeitigem Missbrauch von Oxycodon, Tilidin oder Benzodiazepinen. Diese Medikamente machen stark und schnell abhängig. Sie kommen häufig durch ärztliche Verschreibung in den Umlauf.

Ist das Alkoholproblem groß?

Alkohol ist bei Weitem noch immer das größte Problem – dadurch, dass er eine hohe Akzeptanz in der Gesellschaft hat. Regelmäßiger Alkoholkonsum richtet gesellschaftlich viel größere Schäden an als Cannabiskonsum.

Wie viele Zollernälbler betreuen Sie in der Suchtberatung?

Im Jahr 2023 waren es bis 792 Personen, davon 57 mit politoxem Konsum – also mit Missbrauch von mindestens zwei Substanzen. Insgesamt 87 Personen davon hatten die Hauptdiagnose THC-Missbrauch. Aber das sind ja nur die Menschen, die zu uns kommen - von denen wir also wissen.

Was genau ist das Problem mit Cannabis bei den über 21-Jährigen?

Der Konsum kann in die Abhängigkeit führen. Das ist eine Diagnose: Kontrollverlust, Dosissteigerung, psychische und physische Abhängigkeit. Übrigens ist nicht jeder, der in die Suchtberatung kommt, bereits abhängig. Probleme durch Drogenkonsum kann man trotzdem haben – in der Schule, der Arbeit, im sozialen Umfeld.

Was ist der Unterschied zwischen Genuss und Abhängigkeit?

Zunächst haben die Substanzen – egal ob Cannabis, Alkohol oder Benzodiazepine – eine vordergründig „positive“ Funktion: Sie reduzieren Stressempfinden oder machen „locker auf Knopfdruck“. Wenn das ohne Konsum nicht mehr geht, wird ein Problem daraus.

Wenden sich auch Eltern Minderjähriger an Sie, weil es seit dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes mehr Probleme gibt?

Es kommen Eltern mit älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die politox konsumieren, weniger nur wegen Cannabis. Hilfe findet man auch bei der „Elternselbsthilfe Zollernalbkreis für suchtgefährdete und suchtkranke Töchter und Söhne“.

Welche Kuriosität ist für Sie mit dem Cannabis-Gesetz aufgepoppt? Etwas, womit Sie im Traum nicht gerechnet hätten?

Die Cannabis-Clubs sollen per Gesetz mit den Suchtberatungsstellen zusammenarbeiten. Die Clubs müssen einen sogenannten Suchtpräventionsbeauftragten stellen. Allein die Bezeichnung „Suchtpräventionsbeauftragter“– da entsteht der Eindruck, dass so ein Beauftragter Suchtprävention an Schulen machen könnte. Aber: Das sind unsere Aufgaben. Und für die bekommen wir seit Jahren schlicht nicht genug finanzielle Mittel. Zudem: Einer solchen Person fehlt vielleicht die kritische Distanz zur Droge. Man darf hier nicht den Bock zum Gärtner machen.