Heute ist Schluss: Nach 40 Jahren hängt Siegfried Ostertag sein Amt als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftagter des Landkreises Zollernalb an den Nagel. Foto: Engelhardt

Ehrenamt: Siegfried Ostertag schaut auf vier Jahrzehnte als Naturschutzbeauftragter des Landkreises zurück

Nach acht Amtsperioden ist für Siegfried Ostertag Schluss: 40 Jahre lang hat er sich als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter des Landkreises für die Natur eingesetzt. Heute ist sein letzter Tag in dieser Funktion.

Balingen. "Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man weiß, dass es die letzte Besprechung ist nach so vielen Jahren", sagt Siegfried Ostertag. Vergangene Woche diskutierte er noch mit Vertretern des Landratsamts, ab morgen, 1. September, ist er nach vier Jahrzehnten kein Naturschutzbeauftragter mehr. Drei solcher Ehrenamtlichen gibt es im Zollernalbkreis; sie setzen sich für die Natur ein, direkt an der Schnittstelle von Naturschutzbehörde, Kommunen und Bauherrn. Ostertag war für Balingen und Albstadt zuständig.

Schon als Kind ständig draußen in der Natur

Sich in der Natur aufzuhalten und sich auch für sie einzusetzen, sei für ihn von Kindesbeinen an klar gewesen, meint Siegfried Ostertag, der 1944 in Reutlingen geboren wurde. "Wir sind mit der Familie viel gewandert und haben uns als Kinder die ganze Zeit draußen aufgehalten", erzählt der Wahl-Balinger. "Für mich gab es nie einen Zweifel, dass ich in die Forstwirtschaft gehen werde."

Nach dem Abitur schrieb er sich deshalb an der Universität Freiburg in Forstwissenschaften ein. Mit dem Diplom im Gepäck war er zweieinhalb Jahre Referendar. Die Forstdirektion Freiburg und das Stuttgarter Ministerium waren seine Stationen, bevor er zurück an die Schwäbische Alb kam. Als Balinger Forstdirektor kümmerte er sich fast drei Jahrzehnte lang um Staatswald, Kommunalwald in Balingen, Meßstetten, Nusplingen und Obernheim sowie den Bundeswald auf dem Truppenübungsplatz in Meßstetten.

"Es ist eine Tradition, dass der Forstdirektor in Balingen auch Naturschutzbeauftragter für den Landkreis ist", sagt Ostertag. Schließlich kenne man sich schon von Berufs wegen her sehr gut aus in der Region. Zusätzlich zu seinem Gebiet als Forstdirektor hat er sich als Naturschutzbeauftragter um Albstadt sowie Bitz gekümmert.

Viele Balinger kennen Siegfried Ostertag als engagierten Förster, der sein Wissen gerne Interessierten jeglichen Alters weitergibt. Außerdem hat er beispielsweise die Irrenberg-Aktion, die Gerd Schach und Hans-Dieter Stoffler ins Leben gerufen hatten, mit persönlichem Einsatz weitergeführt. Gemeinsam mit Schach hat Ostertag zudem die Lochenpflege-Aktion etabliert. Aber auch die Heckenpflege-Aktion auf der Gemarkung Nusplingen ist für viele Zeitgenossen im Landkreis ein wichtiger Termin im Jahreskalender. "Mit diesen Verwirklichungen draußen wollen wir zeigen, dass wir als Naturschutzbeauftragte nicht nur von Landschaftsschutz sprechen, sondern auch selbst exerzieren", betont Ostertag.

Die öffentlichkeitswirksamen Aktionen in der Naturpflege seien natürlich nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben gewesen, meint Ostertag. "Der Naturschutzbeauftragte berät die Untere Naturschutzbehörde in allen Fachfragen rund um den Natur- und Landschaftsschutz und gibt unter anderem Stellungnahmen zu Bauvorhaben und Planungen ab, die mit Eingriffen in die Natur und Landschaft verbunden sind", erklärt der Forstdirektor a.D..

In Auseinandersetzungen geht es herzhaft zu

Das sei eine durchaus anspruchsvolle Tätigkeit, die Fachwissen und Kommunikationskompetenz erfordere. "Als ich vor 40 Jahren angefangen habe, waren vor allem einschlägiges Fachwissen und gesunder Menschenverstand gefragt", meint Ostertag und lacht. Bei manchen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Parteien sei es vor 30, 40 Jahren durchaus herzhaft zugegangen. Heute würde er über die eine oder andere Begebenheit nur schmunzeln. "Wir haben mittlerweile unzählige Verordnungen und Vorschriften, die zu beachten sind. Als Naturschutzbeauftragte beraten wir das Landratsamt, die rechtliche Seite und die Umsetzung müssen dann die entsprechenden Fachleute vornehmen." Obwohl die Naturschutzbeauftragten vom Landkreis bestellt werden, arbeiten die Ehrenamtlichen in ihrer Funktion unabhängig und sind nicht weisungsgebunden.

Wichtig sei ihm, dass die Menschen bei allen Vorgängen mitgenommen würden und die Entscheidungen transparent seien. "Vor 50 Jahren hieß es oft pauschal, der Naturschutz ist gegen alles", sagt Siegfried Ostertag rückblickend. "Ein Großteil der Bevölkerung geht mittlerweile auch voll mit, auch wenn es manchmal natürlich etwas schwierig ist, wenn es einen selbst betrifft", sagt der Forstdirektor a.D.. "Die Energiewende ist jetzt natürlich eine große Aufgabe für alle, die Entwicklung hin zu erneuerbaren Energien stellt an uns bei der Abwägung zwischen Ökologie und Ökonomie besonders hohe Anforderungen."

Das Aufgabengebiet der Naturschutzbeauftragten sei über die Zeit immer vielfältiger geworden, meint Ostertag. "Heute kümmern sich die Ehrenamtlichen beispielsweise um Straßenbau, versiegelte Flächen, Flurneuordnung, Einzelbauvorhaben, Biotopkartierung, Artenschutzprogramm, Gewässerrandstreifen, Wegekonzepte, Windkraft, FFH-Gebiete und noch vieles, vieles mehr", so der 77-Jährige.

Auch die Inanspruchnahme der Natur durch Erholung sei ein immer wichtigeres Thema. "Coronabedingt hat sich die Erholungsnutzung deutlich verstärkt."

Er steht weiter mit Rat und Tat zur Seite

Auch wenn er jetzt nicht mehr offiziell tätig sei, stehe er Interessierten natürlich auch weiterhin mit Rat und Tat zur Verfügung. "Die Natur geht uns alle an, das gute Miteinander von Mensch und Natur ist wichtiger denn je", sagt Ostertag, der auch in Zukunft viel an der frischen Luft unterwegs sein wird – in seinem Wald und mit seinem Hund Lotta.