„Back to the roots“ heißt die Ausstellung. Ab dem 15. Januar sind Wandmalereien aus dem 11. Jahrhundert zu sehen.
Im Nordflügel: das jüngste Gericht. Im Süden: die Apostel. Neben Gottvater schwebt Erzengel Michael wenige Meter über dem Boden, hat den feixenden Satan fest im Blick. Auf mehr als zehn Metern erzählt der Wandmalerzyklus vom Teufelssturz und vom Endzeitgericht, bei dem die Menschen Rechenschaft ablegen müssen. In hellen Orange- und Türkisnuancen entfaltet sich das Geschehen auf den 2,12 Meter hohen Leinwänden und lädt dazu ein, den Blick wandern zu lassen – zwischen himmlischem Triumph und drohendem Gericht.
„Es ist ein wertvoller Schatz von hohem kulturhistorischen Wert“, schwärmt Balingens Stadtarchivarin Nicole Scheletz. Sie steht vor den Leinwänden im Heimatmuseum, die zwei Mitarbeiter des Bauhofs aufhängen.
Wenige Tage vor der Vernissage ist ihre Vorfreude spürbar. 70 Jahre waren die Wandmalereien im Balinger Heimatmuseum gelagert, zwei Jahrzehnte lagen sie im Dunkeln. „Ich habe sie auf dem Dachgeschoss gefunden“, sagt Scheletz.
„Ich war total begeistert von der Wandmalerei“
Angefangen hat alles im Juli vergangenen Jahres: Manfred Stingel vom „Haus der Volkskunst“ hatte sich an sie gewandt, um das Kunstwerk in sein Filmprojekt „Die Sage vom Hirschgulden“ einzubinden. „Ich war total begeistert von der Wandmalerei“, bemerkt die Stadtarchivarin.
Der Fund ist eng verwoben mit einem Abschied – und einer Heimkehr. Denn der Malereizyklus sei auf die Schöpfungen der Reichenauer Malerschulen des 11. Jahrhunderts zurückzuführen, so die Stadtarchivarin. „Die Rekonstruktionen der Wandmalerei sind aus dem Jahr 1895, von einem Stuttgarter Maler.“ Vor 73 Jahren wurden die Leinwände von Burgfelden in das Balinger Heimatmuseum überführt. Grund war damals die Restauration der St.-Michaels-Kirche.
In der Eyachstadt waren sie zunächst Teil der Ausstellung und landeten später auf dem Dachboden. Zwei Versuche, die Rekonstruktionen zurück nach Burgfelden in die St.-Michaels-Kirche zu bringen, scheiterten.
Abschied vom Balinger Heimatmuseum
Aller guten Dinge sind drei, dachte sich Scheletz: „Die Ausstellung mit dem Titel Back to the roots ist ein Abschied vom Balinger Heimatmuseum. Danach geben wir den Malereizyklus nach Burgfelden an den Förderverein Burgfelden als Dauerleihgabe.“
In dem Saalbau werden sie künftig die stark verblassten Wandmalereien ergänzen. Die Wandhalterungen für die Leinwände seien ohnehin noch da, so Scheletz. Es fühle sich so an, als käme mit der Leihgabe wieder zusammen, was zusammengehört. Grünes Licht hat die Stadtarchivarin auch vom Landesamt für Denkmalpflege.
Entdeckt wurden die Wandmalereien erst im Jahr 1892: „Damals sollte die Kirche abgerissen werden. Zum Glück kam es dann nicht so weit.“
Danach zurück nach Burgfelden
Dass es so lange gedauert hat, bis die Rekonstruktionen nach Burgfelden zurückkehren, habe an Besitzverhältnissen gelegen: „Darauf hat man zu lange beharrt, das ist schade“, bemerkt Scheletz. Doch Zeiten ändern sich.
Ergänzt wird der Wandmalereizyklus durch ein weiteres außergewöhnliches Exponat: eine Einbaumtruhe aus dem 13. Jahrhundert. Sie ist aus Eichenstamm hergestellt und wurde einst zur Aufbewahrung sakraler Gegenstände in der Kirche genutzt.
Gemeinsam mit den Leinwänden eröffnet die schwere Holztruhe einen seltenen Blick auf die religiöse Vorstellungswelt und den kirchlichen Alltag des Mittelalters. Während die Wandmalereien vom Heilsgeschehen erzählen, verweist die Truhe auf das praktische Leben hinter den Bildern. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Glauben, Kunst und gelebter Geschichte.
Wo einst vom Jüngsten Gericht erzählt wurde, findet nun eine leise Versöhnung statt. Die Leinwände kehren nach Burgfelden zurück – dorthin, wo Erzengel Michael dem Bösen entgegentritt. Es ist also ein Abschied vom Museum und zugleich ein Wiedersehen mit der eigenen Geschichte.