Glosse: Das Wunder der Schöpfung auf der eigenen Fensterbank.
Der Regen klopft an die Fensterscheibe und überzieht die Stadtkirche, die im Hintergrund die Stunde schlägt, mit Schlieren. Auf meinem Fensterbrett habe ich ein spannendes Experiment aufgebaut: Utensilien zur Zucht von Urzeit-Krebsen stehen in Reih und Glied parat, um das Wunder der Schöpfung täglich zu beobachten und für die optimalen Wachstumsbedingungen zu sorgen.
Während ich also mit einer Lupe die Eier im Mini-Aquarium begutachte, in einer Petri-Schale nach ersten Lebenszeichen der Kleinstwesen Ausschau halte und diese mit Salz-Krebschen-Futter ernähre, damit sie gedeihen, überkommt mich eine seltsame Stimmung. Die Bedeutsamkeit meines Tagwerks gerät in den Hintergrund. Ich muss schmunzeln angesichts meines Eifers, der mich vom Frühstück ins Büro und wieder zurück an den heimischen Fressnapf getrieben hat, bis ich zur Ruhe komme und morgen alles von vorn beginnt.
War ich heute nicht ähnlich getaktet wie meine niedlichen Urzeit-Krebse? Erwachen, fressen, um zu gedeihen, je nach Rahmenbedingungen etwas Action zu verbreiten und dann wieder abtauchen… sollte mich gleichfalls ein höheres Wesen durch die Petri-Schale beobachten, kann ich nur hoffen, es möge ein gutmütig-humorvoller Charakter sein, der dem Prozess die nötige Zeit zur Entwicklung lässt und dabei auch den Urheber des Ganzen nicht vergisst.
Das Wunder liegt im Detail
In meinem Fall handelt es sich bei der Urheberin um ein liebes, manchmal etwas verrücktes Huhn, das meinen Forschergeist zum Leben erweckt und nebenbei Anlass zu dieser Betrachtung gegeben hat. Eine tolle Sache. Da behaupte noch jemand, das Wunder des Lebens läge nicht im Detail.