Nach dem Balinger Fackelumzug sorgt ein Facebook-Beitrag über einen angeblichen Vorfall mit einem Baby für Aufregung. Der betroffene Verein spricht von Aussage gegen Aussage – und handelt dennoch.
Mitgenommen und verletzt fühlt sich Norbert Handschuh nach den vergangenen Tagen. Der Zunftmeister der „Linkenbolder Höhlagoischter“ sieht seinen Verein mit Vorwürfen konfrontiert – ausgelöst durch einen mittlerweile gelöschten Facebook-Beitrag nach dem Balinger Fackelumzug.
Eine Besucherin berichtete, dass sie während des Umzugs beobachtet habe, wie ein Mann und eine Frau ein Baby herumreichten. Beide seien alkoholisiert gewesen, so ihre Einschätzung; sie habe Angst vor einer Kindeswohlgefährdung gehabt. Zudem sei der Mann aggressiv aufgetreten. Er habe einen Fleecepullover der „Linkenbolder Höhlagoischter“ getragen. Der Post schlug mediale Wellen.
Rausschmiss aus dem Verein
Er selbst sei bei dem Fackelumzug krankheitsbedingt nicht dabei gewesen, sagt Handschuh. Von dem Vorwurf habe er am Sonntagvormittag erfahren. Von den mehr als 20 anwesenden Hästrägern des Onstmettinger Vereins habe niemand etwas von dem Vorfall mitbekommen. „Als ich den Post gesehen habe, habe ich sofort reagiert.“ Er habe mit der Frau, die den Vorwurf geäußert hat, Kontakt aufgenommen. Gemeinsam mit der zehnköpfigen Vorstandschaft des Vereins hat Handschuh über Folgeschritte gesprochen.
Der Mann im Fleecepullover sei kein Vereinsmitglied, betont er. Sondern der Verwandte eines Mitglieds, der dessen Vereinspullover getragen habe. „Das ist in unserer Satzung verboten.“
Die Eltern des Kindes haben dem Vorwurf widersprochen. Letztlich stehe Aussage gegen Aussage, sagt Handschuh. „Aber solche Vorwürfe nehmen wir sehr ernst. Wir müssen knallhart durchgreifen.“ Kinder- und Jugendschutz werde bei den „Linkenbolder Höhlagoischter“ großgeschrieben.
Der Vorstand habe sich nach langen Gesprächen dazu entschlossen, die beiden aus dem Verein zu werfen. Leicht sei ihnen diese Entscheidung nicht gefallen, bemerkt der Zunftmeister. „Es hat mich sehr mitgenommen.“ Monatelang hat er sich auf die Fasnet gefreut.
Erst im Januar feierte der Verein sein zehnjähriges Bestehen mit einem großen Jubiläumsfest. Es sei schade, dass der vermeintliche Vorfall mit dem Verein in Verbindung gebracht werde und nun die fünfte Jahreszeit für die Mitglieder überschatte.
Aussage gegen Aussage
Auch Andreas Hebrank, Vorsitzender der Narrenzunft Balingen, äußert sich zu dem Vorfall. Er kennt Norbert Handschuh seit mehr als 15 Jahren. Mit dem Fasnetsverein aus Onstmettingen habe es bislang nie Probleme gegeben, betont Hebrank. Auch von den Balinger Narren habe vor Ort niemand etwas von der Situation mitbekommen, die die Besucherin auf Facebook geschildert hat.
Bei Veranstaltungen mit mehreren tausend Besuchern könne man nie alles im Blick haben, sagt der 41-Jährige. Sowohl Handschuh als auch Hebrank sind sich einig, dass der Vorwurf ernst genommen werden müsse.
Es gebe jedoch nach aktuellem Stand weder Foto- noch Videoaufnahmen, die den geschilderten Vorfall belegen. In der heutigen Zeit seien die meisten Menschen fast mit ihren Smartphones verwachsen. „Da frage ich mich, weshalb in diesem Moment niemand das Handy in die Hand genommen und die Polizei verständigt hat“, sagt Hebrank. Die Polizei war beim Umzug vor Ort. Allein von der Balinger Narrenzunft waren 50 Ordner während des Umzugs im Einsatz, sowie das Ordnungsamt. „Unsere Ordner haben aber nicht die Befugnis, jemanden festzuhalten.“
Kritik im Netz
Neben dem konkreten Vorwurf diskutierten Besucher der Veranstaltung auch die Organisation des Umzugs in den sozialen Medien. Während einige das Engagement der Vereine und die Auftritte lobten, bemängelten andere Lücken im Umzug und fehlende Atmosphäre. „Die schlechte Organisation will ich so nicht stehen lassen“, betont Hebrank. Es vergeht kaum ein Tag im Jahr, an dem sich die Vorstandschaft nicht mit der Fasnet befasst: Der zeitliche Aufwand sei enorm.
Anfang Dezember gab es die erste Planungssitzung – mit der Stadtverwaltung, der Polizei, dem Ordnungsamt, Mitarbeitern des Bauhofs und der Stadtwerke. Dabei wurde der Ablauf des Umzugs abgestimmt. „Wir geben alles, den Aufenthalt so sicher wie möglich zu machen.“
Neben Straßenabsperrungen und dem Überwachen der Seitenstraßen hat der Verein Lastwagen und Autos mit Anhängern als zusätzliches Schutzkonzept organisiert. Eine Woche vor dem Balinger Fackelumzug hat die Zunft alle Anwohner mit einem Schreiben über die Absperrungen informiert.
Bei der Stadt ist indes keine Kritik eingegangen. Sprecher Dennis Schmidt betont: „Bei uns sind keinerlei Beschwerden über die Fasnetsveranstaltungen in Balingen am Samstag eingegangen. Das gilt auch für unsere städtischen Social-Media-Kanäle. Die Rückmeldungen, die uns erreicht haben, sind ganz im Gegenteil überwiegend sehr positiv.“
Oberbürgermeister Dirk Abel war selbst beim Fackelumzug: Er habe den Fackelumzug als fröhlich, friedlich und im richtigen Maße närrisch erlebt. Die Zusammenarbeit mit der veranstaltenden Narrenzunft beschreibt Schmidt als sehr gut, konstruktiv, zielorientiert und vom gemeinsamen Ziel getragen, für alle Besucherinnen und Besucher eine fröhliche und sichere Veranstaltung zu organisieren.
Grenzen respektieren
Sie seien offen für konstruktive Kritik, betont der Vorsitzende der Balinger Narrenzunft. „Wir sind absolut bereit, den Umzugsfluss künftig noch besser zu steuern und an der Stelle nachzubessern.“ In den sozialen Medien seien Negativkommentare keine Seltenheit. Dennoch versetzte es einen Dämpfer, diese zu lesen. Die Rückmeldungen von den Zunftmeistern, Vereinen und den Besuchern, mit denen er persönlich gesprochen habe, seien jedoch durchweg positiv ausgefallen, betont er.
Ein weiterer Kritikpunkt an der Fasnet, nicht nur in Balingen, sondern bundesweit: der Alkoholkonsum. „Alkoholismus ist aber kein Problem der Fasnet, sondern ein gesamtgesellschaftliches.“ In den Narrenvereinen gebe es klare Regeln, Ideale und Leitbilder, sagt Hebrank. Das Einhalten persönlicher Grenzen sei ein zentraler Bestandteil der Werte des Vereins. Um den Überblick zu behalten, hat jeder Hästräger des Balinger Narrenvereins eine eigene Laufnummer.
Für Hebrank ist die Fasnet mehr als Tradition: „Es fasziniert mich, in eine andere Welt einzutauchen.“ Wichtig sei ihm auch ein respektvolles Miteinander – von Zuschauern zu Narren und umgekehrt. Gleichzeitig weist er darauf hin: Wenn man einen Vorfall beobachtet oder sich unwohl fühlt, sei es wichtig, zu handeln und gegebenenfalls die Polizei zu informieren. Denn die Fasnet sollte vor allem eines sein: eine Gelegenheit, Menschen zusammenzubringen, nicht zu spalten.