Wegen sexuellen Missbrauchs wurde ein 40-jähriger Ergotherapeut und Masseur vom Balinger Amtsgericht verurteilt. (Symbolfoto) Foto: Vennebernd

"Massage" mit pädophilem Hintergrund: Balinger Amtsgericht verurteilt Wiederholungstäter. 40-Jähriger muss Therapie machen.

Balingen - Wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes wurde ein 40-jähriger Ergotherapeut gestern vom Balinger Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten verurteilt. Die Strafe wird für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Der Vorwurf: Er habe irgendwann Ende 2000 oder Anfang 2001 die zehnjährige Tochter einer befreundeten Familie in seinem Schlafzimmer nackt aufs Bett gelegt. Unter dem Vorwand, sie "massieren" zu wollen, habe er sie ausgiebig im Intimbereich gestreichelt. Die Sache blieb nicht ohne Folgen: Erst vor zwei Jahren hatte die junge Frau zunächst ihrem Freund, danach ihrer Mutter von der Begebenheit erzählt und davon, dass sie immer noch Albträume und Angstzustände habe. Die Mutter erstattete Anzeige, die Staatsanwaltschaft erhob Anklage.

Angeklagter kann sich an Tat nicht erinnern

Der Angeklagte drückte sich gewählt und wortreich aus. Seine Schuld wolle er zugeben, sagte er. Aber an die Tat selber könne er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Das liege Jahre zurück. "Es kann so stattgefunden haben, aber bei mir gab es kein sexuelles Interesse", beteuerte er. Hingegen könne er sich noch sehr wohl daran erinnern, dass er das Mädchen und ihre Mutter in deren Wohnung in Vaihingen massiert habe – in gegenseitigem Einvernehmen, wie viele andere Freunde und Bekannte.

Weil er mit Öl arbeite, sei es normal, dass seine Patienten sich dabei entblößen. Bei der Behandlung verschiedener Beschwerden gebe es sogenannte "Triggerpunkte", auf die die inneren Organe ansprechen. Einer davon liege neben dem Schambein. Auf die Frage der Richterin, welches Organ mit einer Massage der Schamlippen behandelt werde, räumte er ein: "Dazu gibt es keine Indikation."

Die junge Frau, die als Nebenklägerin auftritt, schilderte den Vorfall unter Ausschluss der Öffentlichkeit. "Ich habe keinen Zweifel, dass es so stattgefunden hat", erklärte die Richterin danach.

Der Angeklagte legte sein verkorkstes Leben offen: gelernter Rettungsassistent, Medizinstudium abgebrochen, ergotherapeutische Ausbildung, später Ausbildung zum Heilpraktiker. Mehrere Versuche, eine eigene Praxis zu betreiben, scheiterten. Die Ehe zerbrach, die drei Söhne – heute 16, 14 und elf Jahre alt – blieben bei der Mutter. Ab da ging alles "den Bach runter". Es folgten Arbeitslosigkeit, Depressionen, ein Selbstmordversuch, Alkoholprobleme. Auf dem Rechner in seiner Praxis wurde 2008 kinderpornografisches Material gefunden worden, eine Geldstrafe folgte. Später, als er als Taxifahrer jobbte, gab es einen Übergriff auf einen kleinen Jungen. Vor zwei Jahren wurde er vom Amtsgericht Spaichingen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Mittlerweile habe er festgestellt, "dass eine Neigung zur Pädophilie da ist". Daher mache er eine Therapie für Sexualstraftäter, und parallel dazu sei er wegen seiner Depression in psychiatrischer Behandlung. Ob die Ursachen in seiner Kindheit liegen? Sein Bruder und seine Schwester seien im Alter von 14 Jahren gestorben, ein traumatisches Erlebnis. Und der Vater habe sich abgesetzt, erzählte er. "Vielleicht ein Grund, Kinder zu beschützen", meinte die Richterin. "Aber kein Grund, sie zu bedrängen." Und zur Tat selbst: "Dass das keine medizinische Massage war, darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren."

Das Gericht bildete mit dem Strafbefehl des Spaichinger Amtsgerichts eine Gesamtstrafe. Die Bewährungsauflagen sehen vor, dass der Angeklagte eine Therapie für pädophile Sexualstraftäter macht und 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leistet – plus weitere 58, die er vom Spaichinger Amtsgericht aufgebrummt bekam und noch nicht abgearbeitet hat. Allerdings nur, wenn seine Depression es gestattet.