Im Balinger Weltladen schlägt Martin Rausch die Klangschale an. Fotos: Stiegler Foto: Schwarzwälder Bote

Kultur: Anlässlich des Balinger Weltgeschichtentages: Sigrid Maute, Xenia Busam und Martin Rausch erzählen

Sigrid Maute, Xenia Busam und Martin Rausch sind professionelle Märchenerzähler. Beim zweiten Balinger Weltgeschichtentag entführen sie die Zuhörer in die Welt von sprechenden Blumen, Pfeife rauchenden Hasen und der perfekten Frau.

Balingen. Und der Affe stieg von dem hohen Mangobaum herab, in dessen Schatten der Sohn des Hutmachers stand, setzte sich auf dessen Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: " Ja glaubst du etwa, dass wir Affen uns keine Geschichten erzählen?"

So endet die erste Erzählung von Xenia Busam. Das Publikum, um die 40 Menschen, jung und alt, sitzt auf den steinernen Stufen des Brunnens gegenüber des Café Melange. Die Frühlingssonne wärmt. Fast jedes Gesicht leuchtet, alle Zuhörer lauschen gebannt.

Die nächste Geschichte handelt von der perfekten Frau. Busam setzt gezielt Mimik und Gestik ein, schlüpft in verschiedene Rollen und spricht die Menschen immer wieder direkt an: "Ihr wisst was jetzt geschieht, oder?"

Vom Verkehr und den Passanten lässt sie sich nicht ablenken. Fahrschüler und Motorroller ruckeln vorbei. Aus einem schwarzen BMW mit goldenen Felgen wummert der Bass. "Das macht einen guten Märchenerzähler aus", kommentiert eine Zuhörerin. "Nicht stören lassen von der Ablenkung." Und so erzählt Busam weiter. Vom Kuckuck, der fortwährend seinen eigenen Namen spricht, um ihn nie wieder zu vergessen.

Ein Passant läuft mit seinem kleinen Sohn vorbei. Sofort bleibt der Junge stehen, gebannt von der unverkennbaren Erzählstimme Busams. Er hört zu und knabbert aufgeregt an seinen Fingern.

"Der Weltgeschichtentag soll ein Tag sein, an dem wir uns in Frieden und Freude Geschichten erzählen" erklärt die Balinger Erzählkünstlerin Sigrid Maute. Bereits Anfang der 1990er-Jahre hätten Skandinavier, dann auch Südamerikaner und Australier den 20. März als Erzähltag auserkoren.

Am 20. März, mitten im Irakkrieg, als der Angriff auf Bagdad stattfand, hätten sich Erzähler aus zehn Ländern vernetzt und entschlossen, den Weltgeschichtentag auszurufen, so Maute. Sie selbst inittierte den Balinger Weltgeschichten im vergangenen Jahr. Das Motto in diesem Jahr: Mythen, Legenden und Epen.

Martin Rausch schlägt im Paradiesgärtli die Klangschale an: "Schließen Sie die Augen und treten Sie mit mir ein ins Märchenland." Dann erzählt er, wie der Indianer Biberherz die heilenden Kräfte der Natur entdeckte: "Überall hörte er die Stimmen der Pflanzen, die ihm ihre Blüten, Blätter und Wurzeln anboten."

Rausch ist seit 25 Jahren Erzähler. "Mein Vater war anfangs total begeistert", erinnert er sich – unüberhörbar ironisch. "Wir produzieren Bilder im Kopf." Diese Gabe sei nicht zu unterschätze und entfalte ihre Wirkung bei kleinen Kindern, wie auch dementen Senioren. "Wenn ich vor Migrantenkindern erzähle, dann verstehen die vielleicht nicht alles, spinnen die Geschichte im Kopf aber selbst weiter." Diese Fähigkeit des Menschen berührt ihn.

Ihn selbst fasziniere, wie viele germanische und keltische Einflüsse sich in den Märchen der Gebrüder Grimm wiederfänden: "Frau Holle, das ist Gaia, die Mutter Erde." Diese uralten Einflüsse seien immer noch Teil unserer Kultur und dürften nicht verloren gehen.

Die drei Geschichtenerzähler ziehen weiter. Vom Reformhaus Paradiesgärtli, zum Café Melange, zum Weltladen, zur Boutique Chicsaal, bis zur Mediothek. Vom unermesslich reichen König und der unersättlichen Frau, die ein zu großes Stück vom Himmel essen wollte, bis zur kleinen, traurigen, blauen Blume.

Sigrid Mautes wichtigster Appell am Ende lautet: "Wenn Ihnen eine Geschichte gefallen hat, dann erzählen Sie sie weiter." Denn das Geschichtenerzählen dürfe nie aufhören.

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