Polizeiautos stehen während einer der Verhandlungstage im Hof des Amtsgerichts Balingen. Der 60-Jährige muss nun zumindest vorläufig in die Psychiatrie. Über die dauerhafte Unterbringung entscheidet das Landgericht. Foto: Hauser

Amtsgericht Balingen ordnet Unterbringung des stadtbekannten 60-jährigen "Liberty Riders" an.

Balingen - Der 60-jährige Balinger, der seit Jahren die Polizei auf Trab hielt und Nachbarn sowie Innenstadtbewohner terrorisierte, muss zumindest vorübergehend in die Psychiatrie. Das hat das Amtsgericht am Dienstag beschlossen

Das Verfahren um die zahllosen Straftaten des psychisch kranken Balingers geht mit dem Beschluss von Richterin Gekeler in die nächste Runde. Staatsanwalt Beiter hatte die vorübergehende Unterbringung beantragt, ebenso den Verweis des Verfahrens ans Hechinger Landgericht. Nur dieses darf über die dauerhafte Unterbringung in einem Krankenhaus entscheiden. Vor der Unterbringung durfte er noch kurz nach Hause in die nahe Inselstraße, um dort Dinge zu regeln. Sein Hund namens Bruno kommt ins Tierheim.

Richterin sieht Gefahr für die Allgemeinheit

Die Gefahr sei groß, dass er aufgrund seiner psychischen Erkrankung weiterhin schwere Straftaten begehe, so Gekeler. Das habe auch der Gutachter festgestellt: Ohne die Einnahme von Psychopharmaka seien von dem Mann, der schon mehrfach in stationärer psychiatrischer Behandlung war, weitere manische Taten zu erwarten, befand dieser. Der 60-Jährige sei in der Gesamtschau eine Gefahr für die Allgemeinheit, so Gekeler. Zwei Polizeibeamte nahmen ihn direkt aus dem Gerichtssaal mit.

Die Verlesung der ihm zur Last gelegten Taten dauerte länger als eine halbe Stunde, die Vorwürfe umfassen unter anderem Beleidigungen, Bedrohungen, Angriffe auf und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Fahren ohne Führerschein und ohne Haftpflichtversicherung, Hausfriedensbruch, Körperverletzungen, Gefährdungen des Straßenverkehrs, Trunkenheit im Verkehr und Urkundenfälschung.

Der Mann ist in Balingen als "Liberty Rider" bekannt, er hat, wohl durch seine Erkrankung, eine wilde Fahrt durchs Leben hinter sich. Zwei Zeugen berichteten am Dienstag etwa davon, wie der Mann in der Friedrichstraße mit einem weißen Geländewagen im Sommer 2018 mehrfach um den Stadtbrunnen gefahren sei – mit Hund auf dem Schoß, und dazu den Marktplatz mit Musik der Kelly-Family beschallend.

Interessant war auch eine Ausfahrt im Juli 2018: Polizisten war im badischen Rheinfelden ein Passat aufgefallen. Auch dort erschall laute Musik und der Hund war mit an Bord, dazu hatte der Angeklagte den Warnblinker eingeschalten, rief wirres Zeug zum Fenster hinaus und gestikulierte wild.

Nach kurzer Verfolgungsjagd konnte das Gefährt, das in gleicher Weise zuvor schon in Titisee-Neustadt und in Schopfheim gesichtet worden war, gestoppt werden.

Den Polizisten gegenüber gab er an, der mitreisende Hund sei seine Mutter und sein Vater, mit denen er nach Spanien reise. "Wir hatten den Eindruck, er steht unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln, oder er hat eine psychische Erkrankung", sagte einer der beteiligten Polizisten am Dienstag aus. Auf den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass es eine lange Fahrt von Balingen an die Schweizer Grenze sei für jemanden, der gar keine Fahrerlaubnis besitze, erwiderte der Angeklagte lapidar: "Ich weiß nicht, ob ich gefahren bin oder mein Hund."

Immer neue Fälle werden bekannt

Ein anderer Fall, der am Dienstag vor Gericht zur Sprache kam, war ein Anruf des Mannes bei seiner Krankenkasse. Weil er nicht an seine gewünschte Sachbearbeiterin durchgestellt wurde, beleidigte er den zuständigen Abteilungsleiter übel und drohte: "Ich komm’ vorbei und bring’ dich um die Ecke."

Dies bestritt der Angeklagte aber: "Wenn ich das so gesagt hätte, dann hätte ich das auch gemacht." Ein Satz, den der Staatsanwalt ins Protokoll aufnehmen und der den Verteidiger verzweifeln ließ: "Seien Sie einfach still. Was Sie hier machen, ist juristischer Selbstmord", sagte er fast schon flehentlich.

Doch Einsicht ist nicht die Stärke des 60-Jährigen. An jedem der bisherigen Verhandlungstage kamen neue Vorfälle aus jüngster Zeit auf den Richtertisch. Die jüngste Anzeige stammt vom 30. August, Freitag vergangener Woche: In Gruol soll er zwei Mädchen im Alter von 12 und 15 Jahren belästigt und bedroht haben.

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