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Balingen Wichtig: Kindern Sicherheit geben

Von
Ulrike BogenFoto: Privat Foto: Schwarzwälder Bote

Balingen. Seit mittlerweile fast zwei Wochen sind die Kindergärten im Land wegen des neuartigen Coronavirus’ geschlossen. Die meisten Kinder werden nun zuhause von ihren Eltern betreut. Das bringt einen neuen Alltag und neue Herausforderungen mit sich. Ulrike Bogen aus Dürrwangen, Elternberaterin Frühe Kindheit und Heilpraktikerin für Psychotherapie, beantwortet im Gespräch mit unserer Zeitung, wie man diese Situation meistern kann.

Frau Bogen, Eltern verbringen nun in der Coronakrise deutlich mehr Zeit mit ihren Kindern. Ist das ein Fluch oder ein Segen?

Es steckt natürlich Potenzial für beides in der für uns alle unerwarteten, momentanen Situation. Das Entscheidende ist vielleicht, mit welcher Haltung Eltern in diese Zeit gehen. Ob sie freudvoll und dankbar annehmen können, was sie sich schon lang gewünscht haben, was etwa so klingen kann, wie: "Endlich einmal nicht zwischen den vielen Verpflichtungen hin du her hechten. Das Kind in den Kindergarten bringen, abholen, alles gut getaktet ohne Pause. Das fühlte sich schon lange nicht mehr gut an." Oder ob die Eltern jetzt erst recht im Stress sind, weil auf einmal alles in Frage steht und dann noch das Kind dazwischen versorgt sein muss. Man erlaube sich mal den Sprung in die Zukunft und lausche in einen Moment kurz vor Ende des Ausnahmezustands: Auf was schaue ich dann zurück? Vielleicht auf eine ganz neue Alltagsstruktur. Wie beginnt unser Tag? Was formt den Tag? Kuschelzeit gleich zu Beginn, Vorlesezeit, Haushalt am Morgen, Mittagessen vorbereiten, ein Spaziergang. So schön ganz frei laufende Tage manchmal sind, so schwer wird es aber über die Wochen. Und vor allem Kinder brauchen klare Rhythmen. Eine wiederkehrende Struktur erspart viel Reden und bringt eine Selbstverständlichkeit herein, die vieles leichter macht. und den Kindern Sicherheit gibt.

Aber was kann man denn mit der vielen Zeit anfangen?

Ich antworte zunächst einmal mit einer Gegenfrage: Was ist wichtig für die Zeit? Sicher gehört dazu, die Zeit mit dem Kind auszukosten. Dazu finde ich einen bewussten, gemeinsamen Tagesanfang wunderbar. Kuschelzeit, in der ich dem Kind ausdrücke, noch bevor es danach fragt: "Wie schön, dass du da bist. Du bist willkommen in meinem Tag!" Auch der Tagesabschluss eignet sich hervorragend dazu. Eine ganz besondere Zeit könnte die Wunschzeit sein, in der das Kind einmal am Tag, immer zum selben Zeitpunkt für eine klar begrenzte Zeit – richtig mit Timer – etwas wünschen darf, was der Erwachsene mit ihm spielt. In dieser Zeit sind die Rollen bewusst vertauscht: das Kind übernimmt die Führung und der Erwachsene lässt sich führen. Im normalen Alltag reichen dafür zehn Minuten. Jetzt könnte es vielleicht auch eine halbe Stunde sein. Eine Zeit, in der wir Erwachsenen uns bewusst zurücknehmen mit unseren Vorschlägen, und den Impulsen des Kindes folgen. Und falls man mehrere Kinder hat, bekommt jedes seine ganz eigene Zeit. Und danach geht die Führung wieder an die Erwachsenen, denn ich vermute mal, dass den Eltern die Zeit auch wichtig ist, dass ihre Alltagsaufgaben erledigt werden und auch sie ihre Zeit für sich bekommen. Vieles im Haushalt könnte man zusammen mit dem Kind machen. Kindergartenkinder machen oft gern mit, wenn die Eltern nicht voller Befürchtungen oder Zweifel diesbezüglich sind oder lauter Anweisungen als Fragen formulieren und zur Verstärkung der Wahlmöglichkeit für das Kind noch ein "Okay?" anhängen. Wir dürfen einfach mit einer Selbstverständlichkeit vorangehen, so wie die Enten-Mama ihren Enten-Kinderlein vorausschwimmt. Keine Moral, kein Erziehen-Müssen, sondern einfach nur eine klare liebevolle Führung. Zu allem, was man im Haus machen kann, ist natürlich Rausgehen ein wichtiger Ausgleich – egal bei welchem Wetter. Der ideale Ort dafür ist der Wald. Er ist ein besonderer Spielraum mit vielfachen Experimentiermöglichkeiten. Die Kinder können sich austoben, auch laut sein ist da mal erlaubt. Alle Beteiligten sind hinterher wieder neu sortiert.

Aber dann bleibt aber immernoch viel Zeit. Und dann droht Langeweile und ein Genöle der Kinder. Wäre da nicht auch der Fernseher eine Rettung? Sollte man Regeln lockern, die ansonsten gelten, etwa die begrenzte Medienzeit?

Auf den ersten Blick könnte das schon nach Rettung aussehen, denn dann hätte man doch endlich mal Zeit für sich und die ist auch wichtig. Meiner Meinung nach ist es gar keine gute Idee, Kinder überhaupt allein vor den Fernseher zu setzen. Wir sollten unbedingt dabei sein und dabei gut das Kind im Blick haben. Wie geht es ihm bei dem, was es sieht? Das spätere Spiel des Kindes wird uns zeigen, was es noch zu verarbeiten hat, denn Fernsehen ist per se ein Stressfaktor fürs Kind. Erkennen können wir das nur, wenn wir wissen, was es gesehen hat. Jeder, der tägliche Fernsehzeiten mit dem Kind hat, weiß, dass das zur Folge hat, dass man sich jeden Tag damit auseinandersetzen muss. Viel Streit dreht sich um diese Zeiten, wodurch die Bedeutung nur steigt. Meine Beobachtung bei meinen Kindern war, dass sie weder vor dem Fernsehen noch hinterher gut selber ins Spiel fanden. Und das ist doch die kostbarste Zeit, das eigene Spiel, in dem sie sich und die Welt kennenlernen, in dem sie kleine Forscher sind und Dinge ausprobieren. Da lernen sie, selber mit kleinen Problemen umzugehen, und erleben, dass sie Lösungen finden – was für ein Wert für ihr Selbstbewusstsein. Fernsehzeit ist grundsätzlich verlorene Zeit für die eigene Erfahrung, die die Basis für eine gesunde Gehirnentwicklung ist. Und noch ein Plädoyer für Langeweile: Es lohnt sich, Langeweile auszuhalten. Im normalen Alltag kommt sie kaum vor, aber in ihr liegen Schätze verborgen. Wir müssen sie etwa 20 Minuten aushalten, bis das Kind wieder Zugang zu Eigenem findet. In der Zeit machen wir unsere Aufgaben, etwa in der Küche – und haben dabei natürlich Kontakt zum Kind: "Oh, du hättest jetzt so gern, dass ich mit dir spiele. Und dir kommen gar keine Ideen. Das fühlt sich nicht gut an. Ganz schön blöd. Zu den Freunden darfst du auch nicht. Ich mache jetzt den Abwasch. Du kannst ja mitmachen." – "Nö! Keine Lust! Mach doch selber!" Und wir bleiben weiter dabei, unseres zu tun und zu spiegeln, was wir bei dem Kind wahrnehmen. Keine Lösung suchen. Wir müssen nicht immer der Macher sein. Viel mehr kann das Kind davon profitieren, wenn wir uns einfühlen und irgendwann entsteht im Kind etwas Neues. Wichtig dafür ist nur unsere Präsenz bei dem, was wir tun, unser liebevoller klarer Kontakt zum Kind und Vertrauen in das Unbekannte, was kommt.

Und was ist, wenn dann ein Wutanfall wegen jeder Kleinigkeit kommt? Weil ich eben nicht das tue, was das Kind jetzt gern von mir hätte?

Dann dürfen wir in unserem Kind lesen, dass sich da ganz viel angestaute Frustration angesammelt hat. Und die braucht einen Platz, ein Ventil, um den Weg von innen nach außen zu finden. Es ist ein Riesengeschenk an unsere Kinder, wenn wir das sehen. Die Eltern boxen dürfen, die sich vorher mit einem dicken, großen Kissen geschützt haben, ist eine Variante. Dumme Wörter zusammen mit den Eltern einmal am Tag bewusst ins Klo schreien, wäre eine zweite. Sie kennen Ihr Kind und wissen, welche Art von Ventil es sein könnte. Am besten finden solche Spiele, zu denen auch Kissenschlachten gehören, Eingang in den Tagesablauf. Das ist gute Prophylaxe.

Die Kinder dürfen derzeit ja auch, so wird es geraten, ihre oftmals geliebten Großeltern nicht sehen...

Ja, das ist für alle Beteiligten bedauerlich. Da gibt es Momente, in denen wir dann einfach mit Kindern zusammen darüber traurig sein dürfen. Zum Glück leben wir in einer Zeit, in der Kinder trotzdem in Verbindung bleiben können, wenn auch anders. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie sich das Kind trotz der Einschränkungen mit den Großeltern verbunden fühlen darf. Und darauf können wir den Fokus legen. Vielleicht kann man ja auch wieder Post schicken oder die Großeltern lesen den Kindern am Telefon ein Märchen vor.

Ulrike Bogen ist Mitbegründerin der Balinger Kinderstube und des Elterntreffs im Generationenhaus. Wer als Eltern Unterstützung braucht, kann sich an die neu eingerichtete telefonische Sprechstunde der Kinderstube wenden – montags und donnerstags von 10 bis 11 und von 17 bis 18 Uhr (07433/1 40 96 98). Kurzgespräche von 15 Minuten sind kostenfrei. Weitere Infos im Internet unter www.kinderstube-balingen.de. Auf der Seite des Balinger Kinder- und Jugendbüros unter www.kjb-bl.de wird zudem ein Blog eingerichtet, auf dem sich Eltern über ihre Erfahrungen austauschen können.

Ihre Redaktion vor Ort Balingen

Steffen Maier

Fax: 07433 901829

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