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Balingen Und plötzlich schlägt das Virus ins Leben ein

Von
"Das war kurz vor dem Gehirn!" François Thiercy beim Abstrich in der Balinger Messehalle. Das Coronavirus hat das Leben der Familie gehörig durcheinander gewirbelt. Foto: Thiercy Foto: Schwarzwälder Bote

Balingen. Corona. Das sind abstrakte Zahlen. Anonyme Fälle. Auch für mich. Bis zum Dienstag vor Pfingsten. Mein Vater steigt auf eine Leiter. Ein mannshoher Busch hinter dem Haus wächst schief und muss gekürzt werden. Er stürzt. Und danach ist alles anders.

   Tag Null: Dienstag. Ich komme gerade nach Hause. Mein Mann bereitet das Abendessen vor. Mein Vater läuft um die Ecke und bleibt stehen. Auf die Frage, ob er mit den Hunden Gassi gehen könne, kommt als Antwort ein Keuchen. Wir bugsieren ihn in den nächstbesten Stuhl. Seine Lippen werden blau. Trotz Protest seinerseits bleibt nur eine Option: die 112. Keine fünf Minuten später sind die Sanitäter eingetroffen. Auf die Frage, ob wir Corona-Symptome haben, kann ich nur mit einem Lachen antworten: "Nein, wir sind alle pumperlgsund." Mein Vater wird nach Ebingen gefahren und bestens intensivmedizinisch versorgt.

   Tag 1: Das Telefon klingelt. Eine Nummer aus Albstadt. Es ist Lorenz Welte, der Anästhestist. Mein Vater hat sich zwei Rippen gebrochen. Eine bohrte sich in die Lunge. Er bekommt eine Drainage. Alles kein Problem, es heilt von selbst. Die Sorge ist trotzdem groß. Die Nacht schlaflos. Am nächsten Morgen: erneut ein Anruf aus dem Krankenhaus. "Ich kann mir das auch nicht erklären", sagt der Arzt: "Ihr Vater hat keinerlei Symptome. Trotzdem ist sein Coronatest positiv." Mein Vater wird nach Balingen verlegt. Auf Station sieben. Die Corona-Station. Keine Besuche erlaubt. Ich packe eine Tasche mit dem Nötigsten und gebe sie im Akkreditierungszelt ab.

   Tag 3: Endlich hat das Bürgertelefon des Landkreises wieder Sprechstunde. Ich rede mit einer sehr freundlichen Mitarbeiterin, die meine Daten, die meines Mannes und meines Sohnes aufnimmt. Nach etwa einer Stunde ist das Telefonat beendet, und sie versichert mir, dass mich das Gesundheitsamt zeitnah kontaktieren wird. "Halten Sie Ihr Telefon fest!" Das tue ich, und anderthalb Stunden später klingelt es durch. Amtsärztin Kathrin Fritz fragt nach Symptomen, Kontaktpersonen. Herrjeh. Wen haben wir in den vergangenen Tagen gesehen? Wo waren wir? Sie nimmt sich Zeit und ordnet einen Test an. Zwei Stunden später haben wir den amtlichen Bescheid im elektronischen Briefkasten und machen uns auf zur Volksbankmesse. Ob wir mit einem Arzt sprechen wollen? Ja? Nein? Wissen wir nicht. Also lieber "ja".

Gefühl wie in einem Freizeitpark beim Anstehen an einer Achterbahn

Der maskierte und vermummte Mann am Tor weist uns den Weg. Wir fahren durch ein Labyrinth aus Flatterband. Es fühlt sich ein bisschen an wie in einem Freizeitpark beim Anstehen an einer Achterbahn. Nur dass keinem nach Spaß zumute ist. Wir reihen uns in die Schlange der Wartenden ein. Immer dann, wenn ein Auto den kleinen, abgesperrten Parkplatz verlässt, darf ein anderes einparken. Mein Sohn daddelt sich auf der Rückbank einen um den anderen Level höher im Handyspiel.

Nach zwei Stunden winkt uns eine junge Frau ein. Wir steigen aus, vermummen uns mit Masken und dürfen durch den Haupteingang. Im Foyer müssen wir noch einmal Formulare ausfüllen, wie zuvor schon die bei der Einfahrt. Hände desinfizieren, und ab geht es an den ersten Schalter. Dahinter wartet eine komplett vermummte Mitarbeiterin auf "Kundschaft". Da wir eine Aufforderung des Gesundheitsamtes zum Test haben, müssen wir die Krankenkassen-Karten nicht vorzeigen und werden vorbei an den improvisierten Kabinen der Ärzte direkt zur Testzone gebracht.

Wieder heißt es warten. Vor dem deckenhohen schwarzen Vorhang, der sonst die Stars auf der Bühne vom Publikum trennt. Irgendwann dürfen wir durch, laufen erneut durch einen Flatterband-Parcours. Neben uns fährt ein Auto an den zweiten Testpunkt.

Die Damen im Schutzanzug sind überaus freundlich. Erklären uns, was sie machen. Mit einem Wattestäbchen müssen sie uns mehrfach im Rachen herum stochern. Da muss jeder würgen – aber die Frauen sind Expertinnen, ducken sich gekonnt unter den Hustenattacken weg. Weniger unangenehm, aber auch nicht schön: der Abstrich in der Nase. Mein Sohn bringt es auf den Punkt: "Das war kurz vor dem Gehirn!"

Als wir nach Hause kommen, ist bereits der amtliche Bescheid im Briefkasten: 14 Tage Quarantäne. Ab sofort. Ohne Wenn und Aber. Doch mit leerem Kühlschrank, und Pfingsten steht bevor. Es ist uns peinlich, aber die Nachbarn müssen für uns einkaufen. Wir dürfen das Grundstück nicht verlassen. Zum Glück haben wir einen Garten. Und das Wetter ist nett.

   Tag vier: Mein Vater hat keinerlei Corona-Symptome, und die Drainage wird entfernt. Die Lunge arbeitet gut, und ich verbringe den Tag am Telefon. Termine absagen. Verwandte, Freunde, Kollegen informieren.

   Tag fünf: Endlich kommt der erlösende Anruf vom Landratsamt. Mein Test ist negativ. Also gut in dem Fall! Und meinem Vater geht es wieder blendend. Die paar Tage Quarantäne sitzen wir auch noch aus. Mit der Hilfe lieber Nachbarn, die uns Brot backen und von weit weg liebe Worte zurufen. Und aus Respekt vor den Mitmenschen.

Die Lockerungen, privaten Partys, Friseurbesuche – für uns sind sie nicht mehr nachvollziehbar. Wir haben nur einen Wunsch: dass die Menschen vorsichtig bleiben. Abstand halten. Maske tragen. Und zeigen, dass Solidarität eben keine hohle Phrase ist. Der zweite Lockdown kommt sonst ganz bestimmt. Und dann sind auch Statistiken nicht mehr nur abstrakte Zahlen und anonyme Fälle.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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