Unter Kontrolle: Das RP ändert die Prüfungsregeln für die Plettenbergschule. Foto: Maier

Prüfungsablauf für angehende Physiotherapeuten in Balingen wird geändert.  RP holt Vorschläge künftig bei den Dozenten ein. 

Balingen-Engstlatt/Tübingen - Aus dem Eklat um die jüngste Prüfung zum Staatsexamen für Physiotherapeuten an der Balinger Plettenbergschule hat das Regierungspräsidium Tübingen (RP) für den Nachholtermin jetzt erste Konsequenzen gezogen.

Der bisherige Ablauf wurde geändert. Die Schule bekommt die Fragen für das Examen im November erst am Morgen des Prüfungstags zugesandt. Auch hat das RP die Schulleiterin Birgit Schultheiß, die die Fragen der Dozenten bisher einsammelte und dann an das RP weitergab, umgangen und die Vorschläge von den Dozenten und Lehrern direkt eingeholt.

Im September hatte die Tübinger Behörde den schriftlichen Teil der Prüfung, den die 46 Schüler der Kurse 26a und 26 b im August bereits abgelegt hatten, für ungültig erklärt und die mündliche Prüfung kurzerhand erst einmal abgesagt (wir berichteten). Für die Juristen des RP stand nach der Prüfung von Unterlagen, Aufschrieben, E-Mails und nach Durchsicht des schriftlichen Teils des Staatsexamens aller Prüflinge fest, dass die Prüfungsfragen vor dem Prüfungstermin im Vorbereitungsunterricht an die Schüler weitergegeben worden waren, und zwar "bereits zwei Monate vor Beginn des schriftlichen Prüfungsteils, also bereits im Juni 2013".

Das soll beim Wiederholungstermin anders laufen. "Man könnte keine Fragen vorab besprechen, weil die gar nicht vorliegen", sagt RP-Sprecher Axel Bernhard. "Die Dozenten haben viele verschiedene Vorschläge direkt an uns geliefert und dass RP hat einige Fragen ausgesucht. Die bekommt die Schule am Morgen des Prüfungstags. Damit sollte eine ordnungsgemäße Prüfung sichergestellt sein."

Dass die Schulleiterin Birgit Schultheiß und andere Dozenten persönlich bei der Behörde in Tübingen waren, wollte Bernhard mit Hinweis auf das laufende Verfahren, in dem die Ermittlungen immer noch andauern, nicht bestätigen. Dass Dozenten und Lehrer der Plettenbergschule vom RP zur schriftlichen Stellungnahme aufgefordert wurden, hat die Tübinger Behörde allerdings eingeräumt. Das heißt aber, dass damit auch namhafte Physiotherapeuten, Praxisinhaber und Klinikleiter, mit deren Kompetenz die Plettenbergschule in ihrem Internet-Auftritt wirbt, in den Fokus der Ermittlungen gerückt sind.

Bernd Gondolph-Zink, Chefarzt der Sana-Klinik Zol­lernalb ist als ärztlicher Leiter der Plettenbergschule ausgewiesen, betont aber gegenüber unserer Zeitung, dass dafür an ihn kein Honorar fließe. Er sei schon vor vielen Jahren gebeten worden diese Funktion zu übernehmen und habe damals spontan zugesagt. Auch könne er sich nicht erinnern, ob dazu ein schriftlicher Vertrag gemacht wurde. "Da müsste ich nachschauen", sagt er. Und: "Ich habe mit dieser Prüfung überhaupt nichts zu tun." Von den Dozenten und Lehrern kenne er überhaupt nur zwei persönlich. Dass diese beiden Prüfungsfragen vorab an Schüler weitergegeben haben, will er komplett ausschließen. "Da würde ich meine Hand ins Feuer legen." Dass die Plettenberg-Prüfung vom RP für ungültig erklärt wurde, habe er, so Gondolph-Zink weiter, auch nicht von der Schule selber erfahren, sondern letztlich von einem Mitarbeiter in seiner Sana-Klinik, der davon gehört hatte.

Die Arbeitsmedizinerin Barbara Heimann ist seit vier Jahren Lehrerin an der Plettenbergschule, unterrichtet Spezielle Krankheitslehre Chirurgie und Spezielle Krankheitslehre Innere Medizin. Auch die Fragen ihrer Fächer kursierten in E-Mails und handschriftlichen Aufschrieben unter den Schülern. "Ich habe den verschlossenen Umschlag mit den Prüfungsfragen auf Papier selber im Sekretariat abgegeben", erinnert sie sich. Dass Schüler genau diese Fragen und die ihrer Kollegen vorab kannten, kommentiert sie so: "Es ist mir ein Rätsel, wie es dazu kommt. Das ist mir unerklärlich."

Schüler, deren jüngstes Staatsexamen an der Plettenbergschule das Tübinger Regierungspräsidium deshalb für ungültig erklärt hat, haben sich derweil in die Ermittlungen eingeschaltet und in einem Schreiben an die Behörde darauf hingewiesen, dass ihre Lerninhalte "aus seriösen und zulässigen Quellen stammen". Und während Schulleiter anderer Physiotherapie-Schulen von "Betrug" reden und Konsequenzen fordern, muss das RP in seiner sechsseitigen Begründung zur Aufhebung der Prüfung in sehr speziell-verquastem Juristendeutsch die Vorwürfe noch verklausulieren: "Die Seriösität der Quellen wurde seitens des RP nicht angezweifelt, dennoch dürfen auch seriöse Quellen die Aufgaben und auch Antworten eines Teils des Abschlussexamens nicht vor Beginn dieses Teils an die Prüflinge weitergeben, weder mündlich, noch schriftlich, noch elektronisch. Als zulässig ist die wohl als ›Hilfestellung‹ gedachte Quelle in keinem Fall einzuordnen."

Prüfungsvorbereitungsunterricht, dies bestätigten andere Schulleiter und Direktoren von Physiotherapeuten-Schulen, ist überall üblich. Schülern soll dabei geholfen werden, Wissenslücken zu schließen und den Stoff noch einmal zu vertiefen. Die "Hilfestellung" für die Schüler an der Plettenbergschule ging dem RP in diesem Sommer aber zu weit. "Eine Benachteiligung der Schüler und Schülerinnen anderer Physiotherapieschulen ist daher in jedem Fall eingetreten", sagen die RP-Juristen. Diese Benachteiligung soll durch die Wiederholungstermine im November ausgeräumt werden. Die Juristen des RP hoffen wohl, mit ihren Maßnahmen die "seriöse, aber unzulässige Quelle" vorerst trockengelegt zu haben.