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Balingen "Overview-Effekt" – für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe nutzen

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Christof Seisser ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Heselwangen-Balingen.Foto: Maier Foto: Schwarzwälder Bote

Balingen. Diesen Witz kennt jeder Raumfahrer: Als Juri Gagarin, der erste Kosmonaut, im Jahr 1961 aus dem All zurückkam, fragte ihn der Pope Alexis: "Mein Sohn, hast du Gott gesehen?" Als Gagarin verneinte, beschwor ihn der Pope: "Mein Sohn, das darfst du niemandem sagen." Später kam Sowjet-Präsident Chruschtschow und fragte Gagarin: "Brüderchen Juri, hast du Gott gesehen?" Als Gagarin schelmisch antwortete, er habe Gott gesehen, sei Chruschtschow erschrocken und habe Gagarin bedrängt: "Brüderchen, das darfst du niemandem verraten."

"Astro-Alex", der deutsche Physiker Alexander Gerst, der schon zweimal ins Weltall geflogen ist, wurde von kaum jemandem gefragt, ob er Gott im All gesehen habe. Viel beeindruckender war aber, was er gesehen hat und wie er es beschrieben hat: "Um zu erkennen, wie schön die Erde wirklich ist, brauchte ich nur eine Minute", meinte er im Rückblick auf seine erste Mission 2014 im Weltall. Alle Grenzen, alle Konflikte erschienen ihm in dieser neuen Sicht wie ein Sakrileg: "Nur wenn wir gemeinsam handeln, wenn wir uns als die eine Menschheit begreifen, so wie wir sie deutlich aus dem All sehen, können wir die Zukunft gestalten."

In der Raumfahrt spricht man vom "Overview-Effekt", wenn die modernen Himmelsfahrer von ihrem ersten Blick aus dem All auf die Erde erzählen. Dieses Erlebnis muss so nachhaltig sein, dass es sogar die Persönlichkeit verändern kann. Aus rationalen Wissenschaftlern werden auf einmal sensible Mahner, die von der Verletzlichkeit der Welt, der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und von unserer Verantwortung für dieses Leben reden.

In seinem gleichnamigen Buch "Der Overview-Effekt" aus dem Jahr 1987 lässt Frank White einige Besatzungsmitglieder von Raumschiffen aus unterschiedlichen Nationen zu Wort kommen: "Wenn wir auf die Erde aus dem Weltraum herabschauen, sehen wir diesen erstaunlichen, unbeschreibbar schönen Planeten – der wie ein lebender, atmender Organismus aussieht. Aber gleichzeitig sieht sie sehr verletzlich aus", so eine Aussage, und eine andere: "Von da oben siehst du nur die natürlichen Grenzen – nicht die von den Menschen geschaffenen. Dies war eine der tiefsten, emotionalsten Erfahrungen, die ich jemals hatte."

In unserem modernen Weltbild ist für einen religiös verstandenen Himmel als Wohnung Gottes wohl kein Platz mehr. Aber wenn ich mir diese Äußerungen anhöre, dann spüre ich etwas, was ich als tiefes religiöses Empfinden bezeichnen würde. Mit Hilfe der modernen Technik in der Raumfahrt und der Fotografie können uns diese Erlebnisse heute anders nahegebracht werden.

In der Bibel wird uns eine Himmelfahrtsgeschichte erzählt, die in dieser Form nicht mehr in unser Weltbild passt. Und schon im ersten Jahrhundert nach Christus glaubte man nicht mehr daran, dass irgendjemand im sichtbaren Himmel sitzt. So wie die englische Sprache mit dem Wort "sky" für den sichtbaren und "heaven" für den unsichtbaren Himmel zwei Wörter kennt, so hat auch schon die Sprache des Neuen Testaments der Bibel die Unterschiede benannt: Die göttliche Sphäre steht in den griechischen Urtexten meist in der Mehrzahl. So beginnt das Vater-unser-Gebet genau übersetzt mit dem Zusatz "in den Himmeln". Das Firmament jedoch, an dem wir die Sterne sehen, steht dagegen in der Einzahl, "der Himmel".

Die Himmelfahrtsgeschichte der Bibel würde ich für uns heute folgendermaßen deuten: So, wie Jesus Christus auf dieser Welt Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe gelebt hat, gehört er eigentlich über den sichtbaren Himmel hinaus in das Reich Gottes. Und die Corona-Krise könnte trotz oder gerade wegen all ihrer Härte die Chance bieten, uns dem Reich Gottes näher zu bringen – wenn es uns gelänge, den Overview-Effekt im Sinne der Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu nutzen.

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