Martin Holder, Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen, und deren Geschäftsführer Jan Vetter im Pressegespräch.Foto: Privat Foto: Schwarzwälder Bote

Wirtschaft: Metallindustrie in der Region sieht keinen Spielraum für Lohnerhöhungen

Die Produktion in der Metall- und Elektroindustrie (M+E) in den Regionen Neckar-Alb und Nordschwarzwald ist immer noch weit entfernt vom Niveau vor der Corona-Krise und dem Abschwung des Jahres 2019. Spielraum für Lohnerhöhungen gebe es deswegen nicht.

Zollernalbkreis. Nach einer aktuellen Umfrage des Arbeitgeberverbands Südwestmetall rechnet die Mehrzahl der Firmen nicht vor 2022 mit einer vollständigen wirtschaftlichen Erholung. Zudem stecken viele Unternehmen in einem tiefgreifenden, kostenintensiven Wandel – oder stehen unmittelbar davor.

"Deshalb müssen wir jetzt alles einsetzen, um unsere Betriebe wieder auf die Beine zu bringen, sie wettbewerbsfähiger machen, damit der Wandel gelingt und Arbeitsplätze erhalten werden", sagt der Vorsitzende der Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen, Martin Holder: "Das klappt nur, wenn wir ihnen in der laufenden Tarifrunde keine weiteren Kosten zumuten, ihnen Luft für die notwendigen Investitionen lassen."

Die Bizerba SE & Co. KG tätige derzeit erhebliche Investitionen, sagte Vorstand und CEO Andreas Kraut: "Dies ist dringend erforderlich, um die digitale Transformation des Unternehmens in einem sehr dynamischen Umfeld voranzutreiben. Unsere Investitionen gehen dabei sowohl in die Verbesserung der internen Prozess- und Daten-Struktur als auch in die Optimierung der Prozesse hin zum Kunden." Angesichts des stark softwaregetriebenen Wandels in der Branche gebe es zudem noch großen Investitionsbedarf, so der Balinger Unternehmer.

"Deutschland ist unser Heimatmarkt, und das soll auch so bleiben", betonte Kraut. Gleichwohl gebe es mittlerweile einen großen Preisdruck durch die Handelsketten. Außerdem würden neue Wettbewerber im Softwarebereich auf den Markt drücken, bislang sei die Konkurrenz aus dem asiatischen Raum gekommen. Doch trotz Corona-Krise gebe es bei Bizerba keine Kurzarbeit.

"Wir sind momentan in einer massiven Investitionsphase", sagte der Bizerba-Chef. Einerseits gehe es darum, die Betriebssoftware umzustellen, andererseits würden neue Produktbereiche wie Software und IT erschlossen. Mittlerweile seien mehr Software- als Hardware-Ingenieure in dem Unternehmen mit Stammsitz in Balingen tätig. Bizerba hat nach Angaben von Kraut alleine in Deutschland 2000 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von 700 Millionen Euro.

Nach Jahren des Wachstums sei es in der M+E-Industrie allgemein bereits 2019 bergab gegangen. Die Corona-Pandemie habe der Branche einen Absturz von historischem Ausmaß beschert. "Seit Mitte des Jahres geht es zwar für viele Firmen wieder aufwärts. Aber die ordentlichen Ergebnisse sind meist nicht nachhaltig, sondern die Folge harter Sparmaßnahmen", sagte Holder. Nun kämen aufgrund des Infektionsgeschehens und der derzeitigen Lockdown-Maßnahmen neue Unsicherheiten hinzu: "Wir müssten in diesem Jahr um rund 20 Prozent wachsen, nur, um wieder an das Vorkrisenniveau von 2018 anzuknüpfen. Das ist nicht zu schaffen." Holder sagte: "Wir befinden uns noch immer im Tal der Tränen."

Dabei sei der mühsame Aufstieg aus dem Rezessions- und Corona-Tal nicht die einzige Herausforderung für die M+E-Unternehmen. "Viele Firmen erwarten enorme Umwälzungen im Zuge der Transformation. Manche stecken schon mittendrin, etwa in der Digitalisierung. Anderen steht der größte Berg noch bevor, zum Beispiel beim Umstieg auf klimaneutrale Produkte und Prozesse wie die Elektromobilität", sagte Holder. Der Tarifabschluss müsse daher dazu beitragen, all diese Herausforderungen zu meistern. "Wir können uns keine Lohnerhöhungen leisten", meinte Holder.

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