Volles Gerichtshaus: Viele Zuhörer verfolgten gestern den Urteilsspruch in Hechingen mit. Foto: Ungureanu

Gastronom soll wegen Brandstiftung und versuchten Betrugs vier Jahre und sechs Monate einsitzen.

Balingen/Hechingen - Zehn Thesen, ein Urteil: Die Große Strafkammer des Landgerichts Hechingen schickt den ehemaligen Wirt des Balinger "Mühlengeists" wegen schwerer Brandstiftung und versuchten Versicherungsbetrugs für vier Jahre und sechs Monate hinter Gitter. Der Bruder wird freigesprochen und erhält Haftentschädigung.

Gut anderthalb Stunden dauert die Urteilsbegründung gestern. Zehn "Thesen" habe das Gericht überprüft und akribisch nachgearbeitet. Die meisten seien am Ende nicht haltbar gewesen, sagte der Vorsitzende Richter Herbert Anderer. Gleichwohl sei die Große Strafkammer am Ende einig und sicher gewesen: Der Ex-Wirt war's.

Erste These: Es sei angenommen worden, dass alle Türen verschlossen waren, ergo der Brandstifter einen Schlüssel haben musste. Aber es bestand die Möglichkeit, dass der "Feuerteufel" die südliche Terrassentür eingeschlagen hatte und so ins Haus gelangt war. Zweite These: Alle Schlüsselinhaber waren bekannt, und nur der Wirt allein hatte ein Motiv. Auch das ließ sich nicht halten: Der Kreis der Schlüsselträger war nicht einzugrenzen, und auch andere hatten ein Motiv.

Dritte These: Der Täter hatte Kenntnis von der Kameraüberwachung und wusste, wie er ins Haus gelangen konnte, ohne aufgezeichnet zu werden. Pustekuchen: Eine Kamera hatte nachweislich Aussetzer, sodass jemand durch die Vordertür hätte marschieren können, ohne aufgezeichnet zu werden. Vierte These: Der 46-Jährige Gastronom hatte einiges auf dem Kerbholz, zum Teil mit extrem hohem Entdeckungsrisiko. Das bestätige aber nicht, dass er auch der Brandstifter sei. Fünfte These: Er wollte sich ins Ausland absetzen und musste dazu Geld beschaffen. Nicht eindeutig nachweisbar.

Schwer ins Gewicht fiel die sechste These:Der Angeklagte hatte ein "massives Bündel an Motiven". Der Inhaber habe das Obergeschoss gastronomisch nutzen wollen, was eine Konkurrenz für den "Mühlengeist" gewesen wäre, und er habe weitere Überwachungseinrichtungen und Rauchmelder installieren wollen, was eine Brandlegung zu einem späteren Zeitpunkt unmöglich gemacht hätte.

Die siebte These bleibt offen: Der Brief an eine befreundete Familie, den der ehemalige Wirt seinem Zellenkumpan diktiert hatte, stehe in Zusammenhang mit der Tat. Das Schreiben könne man allerdings nicht bewerten, ohne die Person des Mithäftlings zu betrachten. Die achte These ist nicht belegbar: Der Gastronom plant einen Ausstieg aus dem "Mühlengeist". Der Kauf des "Waldecks" und der Bau des Holzhauses passe eher zu der "umtriebigen Persönlichkeit" des Wirts: "Er wollte beweisen, dass er was hinkriegt, was andere nicht schaffen."

Theorie mit dem Landstreicher als Brandstifter

Die neunte Thesebringt hingegen ein "hohes Belastungsmoment": In der Brandnacht hatte der Wirt seine Freundin im "Mühlengeist" anrufen und sich das Reservierungsbuch bringen lassen – vermutlich, um bei der Versicherung nachweisen zu können, dass das Lokal gut lief und ihm eine hohe Ausfallentschädigung zustehe. Auch diezehnte These legt das Gericht zu Ungunsten des Angeklagten aus: die Theorie mit dem Landstreicher als Brandstifter. Der Angeklagte hatte versucht, eine Zeugin zu beeinflussen, in diesem Sinne auszusagen. Damit habe er von seiner Tat ablenken wollen, schlussfolgerte die Kammer.

Ohne den Zellenkumpan, der wiederholt ausgesagt hatte, wäre der 46-jährige Ex-Wirt wohl schon im Januar freigesprochen worden, räumte Richter Anderer ein. Er habe die ganzen Details wiederholt genannt, und es spreche vieles dafür, dass der vor Gericht wiedergegeben habe, was er von seinem Mithäftling gehört hatte. Warum der Mithäftling Details genannt habe, die sich als falsch herausgestellt haben? Der "Mühlengeist"-Wirt habe – entsprechend seiner narzisstischen Persönlichkeit – seine Geschichte "ausgeschmückt", um sich als besonders cleveren Gesetzesbrecher darzustellen.

Viereinhalb Jahre Gefängnis – abzüglich der Untersuchungshaft (etwas mehr als ein Jahr) und bei guter Führung könnte der 46-Jährige in zwei Jahren schon wieder ein freier Mann sein.

Der Verteidiger des 46-jährigen Ex-Wirts, Rechtsanwalt Wolf-Dietrich Textor, deutete an, dass sein Mandant in Revision gehen werde. Voraussetzung dafür wären Verfahrensfehler, über die Zulässigkeit der Revision entscheidet der Bundesgerichtshof – frühestens zum Ende des Jahres, wie Richter Anderer erklärte.

Rechtsanwalt Harald Schwabenthan, der Verteidiger des Bruders, der fast zwei Monate in U-Haft gesessen hat, war rundum zufrieden: Jeden einzelnen Punkt in seinem Plädoyer habe das Gericht berücksichtigt, sagte er nach der Verhandlung. Und er lobte die faire und akribische Verhandlungsführung.

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