Abends am Bahnhof: Schon früher ging es dort rund. Foto: Maier

Vier Mittdreißiger nehmen Stellung zu Situation am Bahnhof: Dealer und Gewalt nicht Neues. Mit Video

Balingen - Der Leserbrief von Peter Seifert zur Situation in Balingen im Dezember und die folgende Diskussion samt überregionaler Berichterstattung über Balingen bewegt die Menschen. Nun haben sich vier junge Leute bei unserer Zeitung mit einem Brief gemeldet, in dem sie ihre Sicht der Dinge darlegen und Vergleiche mit ihrer Jugendzeit in der Stadt ziehen: Matthias Hittinger (36 Jahre alt), Marc Bubser (37), Torsten Knoll (36) und Meike Eckhardt (33), die alle aus Balingen kommen und heute in Berlin und Freiburg wohnen. Im Folgenden dokumentieren wir das Schreiben.

"Liebes Balingen, wir kommen aus dir. Und nun endlich, nach all den Jahren unserer Abstinenz und Ahnungslosigkeit, hast du es nun zu deutschlandweitem Ruhm geschafft. In einem Atemzug mit Cottbus, Mannheim oder Lörrach genannt zu werden – wir sind selig gerührt. Inhaltlich sind wir jedoch etwas verwirrt.

Die Umstände, die sowohl in dem Leserbrief von Herrn Seifert als auch in dem Artikel auf Zeit Online beschriebenwerden, deuchen uns doch höchst vertraut. Der einzige Unterschied zu den blühenden 1990er-Jahren, so scheint es, ist die mittlerweile gemütliche Eingangshalle im Bahnhof. Die gab’s damals so noch nicht. Marihuana konnte man aber schon hinter oder auch vor dem Bahnhof kaufen. Und die Frechen unter uns haben das sogar noch vorort konsumiert. Ganz ohne Ahmet und Abdullah. Dafür mit Florian und Jens. Und psst, Gewalt – unter jungen Männern oder an Frauen – gab es auch, und zwar in erschreckender Regelmäßigkeit. Szenarien, die sich auf Fastnachtsveranstaltungen alljährlich abspielen, sind hier nur die Spitze des Eisbergs unserer Erinnerung.

Noch heute, wenn wir etwa nachst durch die idyllischen Straßen Neuköllns ziehen, wird uns häufig in tiefer Dankbarkeit bewusst, wie schön es ist, keine Angst haben zu müssen, von etwaigen persönlichkeits- und orientierungslosen Jugendhorden verprügelt zu werden. Ganz im Gegensatz zu den goldenen 1990ern auf der Friedrichstraße in Balingen oder an der Sonnenbank (die es, soweit wir wissen, auch nicht mehr gibt). Auch das ist damals ganz ohne Mohammed und Mehmet passiert. Auch das gab’s schon mit Stefan, Friedrich und Martin.

Aber missversteh uns nicht, geliebte Heimat! Auch wir sehen Problematiken, auch wir sind keine reinen Glashalbvollmenschen, die auf Teufel komm raus alles verteidigen, was einzelne Straftäter oder auch die Politik verbrechen und falsch machen. Auch wir finden, dass, sollten Karl oder Ali eine Frau gegen ihren Willen anfassen oder Schlimmeres, sie mit der dafür vorgesehenen Gesetzsprechung in aller Härte bestraft werden sollen.

Leserbriefe wie der von Herrn Seifert, so sehr sie subjektiv ihre Berechtigung haben mögen, führen jedoch dazu, dass Viele mit Einzelnen verwechselt werden, dass das Kollektiv beziehungsweise eine große Zahl von Bewohnern einer Stadt sich unumstößliche Meinungen bildet, auf Grund derer es dann nur einen einzelnen Tropfen braucht, der das Fass zum überlaufen bringt.

Leserbriefe wie diese können dazu führen, dass vergessen wird, dass 95 Prozent der geflüchteten Menschen vor Krieg, Elend und Hunger flohen und nicht hier sind, um Autos zu stehlen, den schwarzen Afghanen an den Mann und die Frau zu bringen oder Frauen zu missbrauchen. Aber auf einmal sagt endlich jemand, was alle schon lange denken und sehen. Wir persönlich schon seit den ­1990ern, als Balingen noch das Idyll Europas war, ganz ohne Flüchtlinge oder schicke Bahnhofshalle."