Haben Menschen einen freien Willen? Über seine Forschungsergebnisse hält der in Hechingen wohnende Professor Boris Kotchoubey heute einen Vortrag in Tübingen. Foto: Beyer Foto: Schwarzwälder-Bote

Hechinger Verhaltensneurologe stellt in Tübingen seine Forschungsergebnisse öffentlich vor

Von Willy Beyer

 

Hechingen. Ist der freie Wille nur eine Illusion? Der in Hechingen wohnende Hirnforscher Boris Kotchoubey sieht das anders und hat dazu ein englischsprachiges Buch veröffentlicht: "Warum wir frei sind".

Den deutschsprachigen Vortrag zum Thema hält er heute, Donnerstag, in Tübingen. Kotchoubey ist Professor im Tübinger Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurologe. Er wendet sich mit seinen Betrachtungen gegen die vorherrschende Meinung vieler Neurophysiologen, Psychologen und Philosophen, dass der Mensch keinen eigenen Wille habe.

Eine Sichtweise, die ungeheure gesellschaftliche Ausmaße haben könnte, wenn es etwa um das Verständnis und die Funktion von Verantwortung, Schuld oder Sühne geht. Boris Kotchoubey wird am Donnerstagabend erstmals eine Zusammenfassung seiner Forschungsergebnisse in deutscher Sprache vorstellen. Sein Referat im Tübinger "Forum Scientarum" in der Doblerstraße 33 beginnt um 19 Uhr und ist populärwissenschaftlich gehalten, so dass ihn auch Laien nachvollziehen können.

Die Diskussion über die Entscheidungsfreiheit des Menschen wurde vor Jahrzehnten dadurch beeinflusst, dass der kalifornische Hirnforscher Benjamin Libet Forschungsergebnisse präsentierte, nach denen das Gehirn bei Tests mit Versuchspersonen bereits vor dem eigentlichen Entschluss der Probanden Festlegungen über das Ergebnis getroffen hatte. Der Moment, wann das Gehirn entscheidet, ist tatsächlich messbar und nennt sich Aktivierungsprozess.

Mittlerweile hätten sich in der Fachwelt zwei Positionen zu dieser Frage verfestigt, sagt Kotchoubey. Ein Lager vertrete die Position, dass das Gehirn alles vorherbestimmt entscheide. Dagegen stünden viele Philosophen, Psychiater und Theologen mit der Überzeugung, dass der Mensch allein durch seine besondere Stellung im Bezug zu Geist, Kultur, Gesellschaft und sozialen Systemen eine neue Fähigkeit erwerbe, Handlungen zu planen, die nicht durch eine aus seiner Biologie erklärbare Funktion festgelegt seien.

Im Gegensatz zu diesen Positionen meint Kotchoubey, dass der freie Wille auf völlig naturalistische Art und Weise erklärt werden kann. Freies Verhalten sei ein notwendiges biologisches Phänomen, weil die Anpassung des Menschen an eine komplexe Umwelt nur durch freie Handlungen erfolgen könne.

Er vermutet, dass dies die Basis für kulturelle und geistige Fähigkeiten des Menschen ist. Diese Anpassung erklärt er am Beispiel von durch das Gehirn erlernten Bewegungskontrollen. So muss für das Fahrradfahren eine komplexe Koordination von Gleichgewicht, Lenken und Ausweichen bei Hindernissen, von Verkehrskontrolle und Beinarbeit zunächst langsam und bewusst erlernt werden. Später läuft der gesamte Prozess automatisiert ab. Eine einfache Fahrradfahrt über eine Dorfstraße sei jedoch so komplex, dass die besten Computer die exakte Kalkulation der Fahrt wohl noch nicht einmal in einem Jahrhundert ermitteln könnten, sagt der Hechinger Hirnforscher.

u Boris Kotchoubey wurde 1952 in Moskau geboren. Er studierte dort Medizin und Psychologie und befasste sich bereits in der Sowjetunion mit dem Verhältnis von Gehirn und Geist. Sein Hauptforschungsgebiet sind das Bewusstsein und Bewusstseinsstörungen. Unter anderem beschäftigt er sich mit Koma-Patienten. Auf Vermittlung Hans Helmut Kornhubers, einem Neurologen, der die Universität Ulm mitbegründete und als erster den Willen als neurobiologisches Phänomen betrachtete, kam Boris Kotchoubey 1991 nach Deutschland. Seit 1995 arbeitet er an der Universität Tübingen, seit 1999 wohnt er in Hechingen.