Die Bürger müssen vor 250 Jahren zu viele Steuern bezahlen. Folge: Es kommt zum Steuerstreik. Foto: Archiv

Blick zurück in die Geschichte: Vor 250 Jahren begann in Balingen ein Steuerstreik. Oberamtmann Huber stellt sich quer.

Balingen - Ums Steuerzahlen und Sterben kommt man nicht herum; beides muss sein, nicht erst seit heute. In der so genannten guten alten Zeit hatten die Steuerforderungen krasse Formen angenommen – so sehr, dass es vor 250 Jahren in Balingen zum Steuerstreik kam.

Wie seufzte damals nur das Volk unter der riesigen Steuerlast während der Herrschaft des Herzogs Karl Eugen! Das meiste Geld diente nur dazu, die Pracht und den Glanz des herzoglichen Hofes zu erhöhen, so dass er einer der luxuriösesten in Europa wurde. Der Siebenjährige Krieg war im Jahr 1763 zu Ende gegangen. Er hatte das kleine Württemberg, so wenig unmittelbaren Anteil es auch daran nahm, mehr als acht Millionen Gulden gekostet. Das ganze Land und besonders einzelne Begüterte wurden mit unerträglichen Lasten beladen, um die kostspieligen Einfälle des unersättlichen Fürsten zu finanzieren.

Das letzte Projekt, das des Herzogs erster Minister Graf Montmartin sich ausdachte, um weitere bedeutende Mittel zu erlangen, war ein neuer Steuerplan. Als er aber diesen dem Geheimen Rat vorlegte und die Unterschriften verlangten, stieß er auf Ablehnung. Als auch die Landstände ihr Veto dagegen einlegten, erhielten die Oberamtmänner die geheime Weisung, die einzelnen Amtsversammlungen zur Annahme der neuen Einkommen- und Vermögenssteuer zu bewegen.

Der Herzog ließ die zwölf Oberamtmänner im Frühjahr des Jahres 1764 in Balingen zusammenkommen. Mit eindringlichen Worten wies hierbei der Herzog auf die Notwendigkeit der neuen Vermögensabgabe hin und ging dann weg. Graf Montmartin ergriff hierauf das Wort zu näheren Erläuterungen.

Oberamtmann Johann Ludwig Huber aus Tübingen schwieg so lange, bis der Punkt an die Reihe kam, worin untersagt wurde, das Geringste von dem Vorhaben an die Gemeindeverwaltungen auszuschreiben. Freimütig sprach er dem Minister gegenüber seine Bedenken über die Gesetzwidrigkeit des Ansinnens aus. Er ließ sich dabei auch durch die Zorn- und Schmähworte des allmächtigen Ministers nicht aus der Fassung bringen.

Pflichtbewusst legte Oberamtmann Huber hernach der Amtsversammlung in Tübingen den herzoglichen Antrag vor. Er war auch dort freimütig genug, die Annahme zu verweigern, und die Tübinger Amtskollegen folgten ihm in diesem Schritt.

Die charaktervolle, mutige Haltung Hubers wirkte weit über die Grenzen des Tübinger Amtsbezirks hinaus. Seinem Beispiel folgten Stuttgart, Sulz, Calw und andere Oberamtsstädte, und bald verbreitete sich der Widerstand durchs ganze Land, so dass der Herzog sich genötigt sah, den Steuerplan aufzugeben.

Nun ließ der Herscher dem Oberamtmann Huber seine volle Ungnade angedeihen und verfügte im Juni 1764 die militärische Exekution über Tübingen, nachdem an Karfreitag bereits ein Dragoner­regiment nach Balingen gelegt worden war, wo sich auch zahlreiche Bürger geweigert hatten, die neue Vermögenssteuer anzuerkennen. Vier der Widerspenstigen wurden auf die Festung Hohenneuffen abgeführt. Oberamtmann Huber wurde nebst drei Ratspersonen auf dem Hohenasperg eingesperrt. Ihre Gefangenschaft wurde durch Härten und Entbehrungen verschiedenster Art verschärft.

Der kaiserliche Gesandte beim herzoglichen Hof intervenierte für Huber. Um Weihnachten 1764 war er wieder daheim. In Tübingen erhielt der Tapfere viele Belobungs- und Glückwunschschreiben sowie von Stadt und Amt 200 Gulden zum Geschenk. Da der Herzog inzwischen einen anderen Oberamtmann eingesetzt hatte, lebte Huber fortan, von 1765 bis 1788, als Privatmann den Musen in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Unter seinen Gedichten sind die auf dem Hohenasperg verfassten, die seine politische Gesinnungstreue und seine fromme Ergebung spiegeln, bei weitem die schwungvollsten und anziehendsten. Die patriotische Jugend seiner Zeit sah zu dem Mann, der es wagte, dem Despoten zu trotzen und ein damals leuchtendes Beispiel von Charakterstärke gab, voll Verehrung hinauf.

Als Herzog Karl Eugen 1793 starb, wurde auf Grund seines letzten Willens zum Ratgeber für die Landesfürstin Franziska der gleiche Oberamtmann Huber bestellt, den der Herzog einst auf den Asperg hatte abführen lassen. Huber war im Jahr 1788 nach Stuttgart verzogen. Er starb dort am 30. September 1800 im Alter von 77 Jahren hochgeehrt und viel betrauert.

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Ernst Wintergerst wurde 1901 in Heidenheim geboren und begann beim dortigen Zeitungsverlag ein Volontariat. Anschließend studierte er in Stuttgart Philosophie, Germanistik und Volkswirtschaft.

Bis 1935 war er Schriftleiter der "Rottenburger Nachrichten" und anschließend bis Ende 1944 Lokalredakteur, Chef vom Dienst und stellvertretender Hauptschriftleiter der NS-Zeitung "Der Wille" in Balingen. Nach seiner Internierung von März 1946 bis September 1947 arbeitete er als freier Journalist.

In den Jahren 1955 bis 1959 war Ernst Wintergerst Lokalredakteur beim Schwarzwälder Boten in Balingen. Bis zu seinem frühen Tod 1968 schrieb er für mehrere Zeitungen, überwiegend für die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten.

Sein Sohn Tilo Wintergerst hat für unsere Zeitung die zahlreichen Manuskripte des Vaters gesichtet und einige mit besonderem Bezug zu Balingen und der Region ausgewählt, die der Schwarzwälder Bote nun in loser Folge veröffentlicht. "Mein Vater war Journalist mit Leib und Seele, insbesondere auf dem Gebiet der Landes- und Volkskunde", erinnert sich Tilo Wintergerst.

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