Andreas Müller steht vor der Fassade der Frommerner Schwelhalle, hinter ihm ist sein riesiges Drachen-Bild zu sehen. Der Künstler berichtete am Donnerstag im Rahmen der "Revolte!"-Ausstellung über seinen Werdegang. Foto: Plocher Foto: Schwarzwälder Bote

Kultur: In der Ausstellung "Revolte!" in der Schwelhalle in Frommern stellt der Künstler Markus Müller sich und seine Kunst vor

Bunt, schräg, aber immer mit Inhalt: Der Künstler WON ABC alias Markus Müller berichtet von den Anfängen seiner Karriere, dem künstlerischen Prozess und seinem Leben, das so außergewöhnlich ist wie das Spongebob- T-Shirt, in dem er sich präsentiert.

Balingen-Frommern. Früher machte Markus Müller die Straßen als Graffiti-Künstler unsicher, heute beschäftigt er sich mit Streetart und ist als WON ABC bekannt. Der Unterschied: Ersteres ist illegal, Letzteres begehrte Kunst. In den 1980ern – im Alter von zwölf Jahren – fing er an, Wände zu bemalen und seine Kunst in die Welt zu bringen. Seine persönliche Vorliebe damals: Züge. "Im analogen Zeitalter war das eine gute Möglichkeit, die Leute zu erreichen", erklärt Müller. "Ein Zug wird von Tausenden Menschen gesehen, da kann kein Museum mithalten."

Denn für den Künstler ist das Wichtigste der Inhalt: "Kunst muss etwas aussagen, alles andere wäre nur Deko." Seine Aussagen auf Zügen kamen aber nicht bei allen gut an. Vor allem der Deutschen Bahn waren sie ein Dorn im Auge. "Irgendwann erwischte man mich, und ich wurde verurteilt. 20 000 Mark war ich der Bahn schuldig, dazu kamen noch drei Jahre auf Bewährung, und den Anwalt musste ich auch bezahlen", berichtete Müller.

Heute kann er darüber schmunzeln – denn was keiner bedacht hat, war die Kunst selbst: "Anscheinend haben sich Interessenten über meine beschlagnahmten Werke auf Stahlplatten gestritten. Sie wurden schnell verkauft, und ich war um 15 000 Euro reicher", erzählt Müller mit einem Grinsen. Trotzdem lehrte ihn der Vorfall, sich dem illegalen Besprühen abzuwenden.

Es fehle ihm auch nicht, denn für ihn ist und bleibt das Endprodukt immer noch das Wichtigste, und Streetart gewinne immer mehr an Akzeptanz. "Früher wäre ein eigenes Museum für Graffiti undenkbar gewesen. Die Disziplin wurde als Schmiererei betitelt." Damals hätten es Sprayer schwer gehabt. Sprühdosen wurden kaum angeboten – Müller selbst arbeitete mit Autolack –, und auch das Vernetzen mit anderen Gleichgesinnten erwies sich als kompliziert. Dafür benutzt man heute das Internet: Durch Instagram und Co. ist es einfach geworden, sich auszutauschen und berühmt zu werden.

Halbe Welt bereist

Schon die halbe Welt hat er bereist und die Städte mit einem bunten Gruß in WON-ABC-Manier versehen. Seit fünf Jahren wird er von einem Oligarchen aus Sankt Petersburg eingeladen, der dort ein Festival veranstaltet. Der Mann begeistert sich für Hip-Hop und lädt Künstler und Tänzer von nah und fern ein, sich gestalterisch auszutoben.

Am meisten locken ihn aber die Orte, in denen die Szene noch nicht Fuß gefasst hat. 1987 sprühte er als erster Streetart-Vertreter eine Wand in Bangkok voll. Als er Jahre später noch einmal dort hinreiste, war die ganze Stadt vollbepackt mit Graffiti.

Auch China hat er schon dreimal besucht, wobei es sich für die Graffiti-Künstler als knifflig erweist, in dem stark bewachten Land ihre Kreativität auszuleben. Es komme dort oft vor, dass die Bilder noch am gleichen Tag entfernt werden.

Was bleibt bei all den Ausflügen noch übrig? "Nordkorea wäre interessant", schmunzelt WON ABC – und sorgt damit für Lachen im Publikum. Seine Träume machen auch vor den bemalten Gegenständen nicht halt: Boote, Flugzeuge, sogar Raketen will er mit seiner Kunst schmücken. "Wie 1990 die Concorde, aber ohne sich einschleichen zu müssen."

Trotz der großen Pläne bleibt er seiner deutschen Heimat treu. Die Fassade der Schwelhalle in Frommern ziert ein gewaltiger, giftgrüner Drache, der die Besucher begrüßt. Zehn Tage arbeitete er an dem Graffiti, davor hatte er ein Konzept erstellt. "Meine Arbeit ist vergleichbar mit der der Köche in einer Mensa", so Müller. Zuerst müsse das Bild geplant werden: Er rechnet aus, wie viel Farbe er für das Bild benötigt und kalkuliert die Maße. Erst dann startet der Malprozess. Mit Atemschutzmaske, Brille und Hut kraxelte er auf dem hohen Gerüst herum. Bei der Arbeit in Frommern sei er an seine Grenzen gestoßen: Das Motiv und vor allem die Größe hatten es in sich.

Bleibt noch die Frage, wieso er ausgerechnet einen Drachen gewählt hat. Müller sagt dazu: "In meinen Anfängen habe ich den Drachen oft gemalt. Er eignet sich super für Flächen, etwa auf Zügen oder großen Wänden, weil man das Motiv damit in die Länge ziehen kann. Außerdem fungiert er als Wächterfigur. Wenn die Besucher die Ausstellung betreten, werden sie von dem Drachen behütet."