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Balingen Er zieht den Hut vor dem Lebenswillen der Afghanen

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Gibt einen emotionalen Einblick in seine Zeit in Afghanistan: Stabsfeldwebel Andreas Meyer liest aus seinem Buch "Sterben kann man an jedem Tag". Foto: Thiercy Foto: Schwarzwälder Bote

Balingen. "Ich habe noch nie so strahlende Kinderaugen gesehen", sagt Andreas Meyer. Der Stabsfeldwebel hat ein Buch über seinen Einsatz in Afghanistan geschrieben. Ein Land, in das er sich verliebt hat, über Menschen, die er mag. Und über den kleinen Jungen auf der Sanitätsstation des Lagers. Der lachte, obwohl ihm eine von den Russen abgeworfene Schmetterlingsmine den Hintern abgerissen hat.

Trotz Gewalt, Krieg und Terror – der Autor hat einen liebevollen Blick auf Land und Leute. Vielleicht auch gerade deswegen. In 47 Kapiteln hat er in "Sterben kann man jeden Tag" seine Zeit im Kriegsgebiet aufgeschrieben. Schonungslos, packend, offen. Drei Jahre hat Meyer an dem Buch geschrieben. Es ist im Tredition-Verlag erschienen, wird derzeit ins Englische für den amerikanischen Markt übersetzt und als Hörbuch eingesprochen. Meyer, der im Kreis Tübingen lebt, sagt heute: "Ich ziehe den Hut vor dem Lebenswillen dieser Menschen."

Als Koch versorgt er die Kameraden: "Ohne Mampf kein Kampf"

Meyer kam im Rahmen der VHS-Reihe "Kultur & Kaffee" nach Balingen. Die Zuhörer in der Genießbar lauschten gebannt, stellten dem 55-Jährigen intensive Fragen, die dieser offen beantwortete. Es war Meyers erste Lesung überhaupt. Und die meisterte er charmant, authentisch und auf Augenhöhe des durchweg weiblichen Publikums.

Der Autor wurde in Singen geboren. Sein erster Beruf war Koch, im Sternelokal Traube in Tonbach. Dann kam der Wehrdienst. Für ihn eine Zeit der absoluten Kameradschaft, aber auch der "komischen Gefühle" angesichts von Befehl und Gehorsam. Er verpflichtet sich weiter. Und sorgt dafür, dass seine Kameraden auch im Manöver sonntags einen warmen Apfelkuchen bekommen. "Ohne Mampf kein Kampf", lacht er. Einmal steckte er mit den Händen im Teig, als ein oberer Dienstrang hereinkam. "Ohne Meldung, Kamerad", sagte der und naschte vom Teig. Viel später, in Kundus, erkannte Meyer, dass er es mit dem Brigadegeneral zu tun gehabt hatte.

Nach dem Bund arbeitet der Vater eines Sohnes in einem Logistikunternehmen. Er bleibt Reservist. Dann der Tag, der die Welt veränderte. An 11. September 2001, dem Tag der Anschläge in New York, sitzt er im Büro, starrt mit den Kollegen fassungslos auf den Bildschirm: "Der Terror wurde greifbar." Ein Anruf seines Spieß‘ folgt wenig später. Das NATO-Bündnis schickt auch Bundeswehrsoldaten in den Kampf gegen die Taliban. Der ehemalige Kamerad braucht einen Versorgungslogistiker. Meyer ist dabei: "Endlich konnte ich etwas Sinnvolles für die Menschen leisten."

Sein Chef ist wenig begeistert. Dennoch geht der Familienvater zur zentralen Truppenausbildung nach Stetten am kalten Markt. Er lernt, wie man Minen sucht. Wie man eine Geiselnahme in einem Bus zu einem guten Ende bringt. Und wie er die Verpflegung der 5000 deutschen Soldaten in einem Lager mit insgesamt 22 000 Militärangehörigen aus Amerika, Norwegen oder Schweden organisiert.

Am 15. März 2005 fliegt er mit einer Transall über Usbekistan zu seinem Ziel: "Ich erinnere mich noch genau, wie die Sonne über dem Tower am Airport stand."

Schon auf den ersten Blick verliebt er sich in das Land. In die Wüste. In die fruchtbaren Obstplantagen. In das Hindukusch-Gebirge, das jeden Morgen in einer anderen Farbe erstrahlt. Meyer berichtet vom Lager. Von den Zelten und den ehemaligen Ziegenställen, die zu Büros umfunktioniert wurden. Und er erinnert sich an die katastrophalen hygienischen Zustände im Land. Gerade um die Mittagszeit, wenn es am heißesten war, lag Fäkalienstaub in der Luft. Im Lager gab es Waschgelegenheiten. Draußen schützte er sich mit einem in Orangenwasser getränkten Tuch vor dem Mund.

Privat reist er heute noch in die damaligen Einsatzgebiete

Die Mission der deutschen Soldaten damals: die anstehenden Wahlen zu schützen. Die Kameraden streichen die Wände in einem Kinderheim. Verschenken Schulhefte. Ein humanitärer Einsatz, bis das Bataillon angegriffen wird. 57 deutsche Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben verloren. "Aber wofür eigentlich? Der IS ist stärker denn je."

Heute ist er wieder Berufssoldat. Möchte die Zeit im Land seiner Träume nicht missen, reist privat an seine ehemaligen Einsatzorte und nach Pakistan. Er hat viel erlebt. Böses. Trauriges. "Aber", sagt Meyer, "genau das motiviert zum Leben."

Ihre Redaktion vor Ort Balingen

Steffen Maier

Fax: 07433 901829

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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