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Balingen Die Geschichten seiner Vorfahren

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Mit "Die letzte Nacht" hat der Karlsruher Autor Matthias Kehle seinen Verwandten ein Denkmal aus Geschichten hinterlassen. Am Dienstag las der preisgekrönte Schriftsteller in der Balinger Genießbar vor vollem Haus. Foto: Thiercy Foto: Schwarzwälder Bote

Häuser, Diakästen, Schmuck. Die meisten Menschen hinterlassen der Verwandtschaft viel – aber keine Geschichten. Genau die hat der Thaddäus-Troll-Preisträger Matthias Kehle seinen Vorfahren geschrieben und in dem Werk "Die letzte Nacht" zusammengefasst, das er in Balingen vorstellte.

Balingen. Der Karlsruher brach damit am Dienstag den Rekord, was die Zuhörerzahl der Reihe "Kultur & Kaffee am Nachmittag" der Balinger Volkshochschule angeht: Das Nebenzimmer in der Genießbar war rappelvoll belegt. Sehr zur Freude auch von Fachbereichsleiterin Marita Linder-Schick, der diese Lesungsreihe persönlich am Herzen liegt.

Zu Herzen gingen die Geschichten des studierten Germanisten und Soziologen. 22 Bücher – vom Gedichtband bis hin zum Sachbuch – hat Matthias Kehle in den vergangenen 20 Jahren geschrieben. Ins Autorenleben freilich sei er "nur so reingerutscht", es hätte auch die akademische Karriere am Karlsruher Institut werden können. Aber, so der mit charmant-badischem Dialekt plaudernde Schriftsteller: Eigentlich befassten sich ja beide Gebiete mit dem selben, den Menschen.

Kehle begann die Lesung mit Auszügen aus dem Nachwort. Die Idee zu "Die letzte Nacht" kam ihm beim Friedhofsbesuch. An den Gräbern von Vater, Tante oder Onkel fragte er sich, was denn wirklich geblieben sei. Der Vater war schweigsam, der Onkel erzählte selten etwas. Also dachte Matthias Kehle sich Geschichten aus, die so hätten sein können, und versprach den Toten, diese in einem Buch zu veröffentlichen. Fünfzehn Jahre lang hat er daran gearbeitet. Die meisten Erzählungen erschienen zunächst in Zeitschriften, ehe er alle zu einem Band zusammengefasst hat.

Mit liebevollem Blick, manchmal schmunzelnd, erzählt Kehle. Setzt das Seziermesser der Menschlichkeit an, lässt den Figuren kein Detail durchgehen und erfasst mit prägnanten, sorgsam gewählten Worten ganze Lebensgeschichten, komprimiert auf wenigen Seiten. Aus den echten Verwandten oder Nachbarn wurden so Figuren, mit denen der Autor mal als junger Mann, mal als Kind Begegnungen hatte.

Da ist zum Beispiel Tante Wiltrud. Matthias Kehle kannte sie im echten Leben nur als bettlägerige Frau. Was kann jemand, den die Multiple Sklerose mit gerade mal fünfzig Jahren ins Pflegeheim befördert hat, schon groß erzählen? Sie war Schneiderin, war einmal im Allgäu im Urlaub. Eine Geschichte ist das noch lange nicht. Aber, verrät der Autor: Es habe in der Familie das Gerücht gegeben, dass die Tante mal auf einen Heiratsschwindler herein gefallen sein soll. Die Tante im Buch bekommt Besuch von ihrem Lieblingsneffen. Und verlängert ihre Lebenszeit, den eigenen Lebenswillen, von Besuch zu Besuch, indem sie immer mehr Details aus ihrer Jugend preisgibt.

In "Die Tante im Bett" läuft die blutjunge Wiltrud beim Milchmann tatsächlich einem adretten jungen Mann über den Weg, der ihr die Kanne nach Hause trägt. Dieser Jakob Haberle verabschiedet sich für lange Zeit. Der erste Krankheitsschub bricht aus. "Der Haberle hat mich krank gemacht", lässt Kehle die Tante sagen. Als der angebliche Unternehmer wieder auf- und abtaucht, folgt der zweite Zusammenbruch. Wiltruds Mutter kann den Kerl nicht riechen. Die Verliebte schon. Und so dauert es nicht lange, bis sie sich ihm hingibt. Sie und noch vier Mädchen aus dem Ort. Zwei Dicke, zwei Dumme. Wiltrud rechnet sich die besten Chancen gegen die Konkurrenz aus. Aber wie das Leben so schreibt – so schreibt eben auch Matthias Kehle auf, dass nicht immer alles eitel Sonnenschein ist.

Nicht gelesen hat Kehle die Titelgeschichte. "Die letzte Nacht" nimmt den Tod seines Vaters in den Fokus. Kehle gibt zu, dass er den emotionalen Text nicht vortragen kann. Dafür gab er Einblick in zwei weitere Geschichten, in denen ein krähender Vater und ein kugelrunder Onkel die Hauptrollen spielen, und stellte sich im Anschluss den interessierten Fragen des Publikums.

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