Zeitgeschichte: Vor genau 75 Jahren bombardierten amerikanische Kampfflugzeuge den Balinger Bahnhof
Auf den Tag genau 75 Jahre ist es her, dass Balingen sein düsterstes Kapitel des Zweiten Weltkrieges erlebte: Am 22. Februar 1945, 13.05 Uhr, spuckten Kampfflugzeuge einer amerikanischen Bomberstaffel 60 Bomben über dem Bahnhof aus – mit verheerender Wirkung.
Balingen. Um ihre absolute Lufthoheit zu demonstrieren und die Deutschen damit in die Knie zu zwingen, starteten die Alliierten zum Ende des Zweiten Weltkrieges die Operation Clarion, zu deutsch "Signalhorn". Am 22. und 23. Februar 1945 griff ein Großaufgebot britischer und amerikanischer Bomber Ziele in ganz Deutschland an, die bisher von Angriffen verschont geblieben waren.
Es war ein Donnerstag
Der Schwerpunkt lag dabei auf Bahnhöfen, Brücken, Häfen und anderen wichtigen Verkehrseinrichtungen in kleineren Städten. Insgesamt 3500 Bomber und 1500 Kampfflugzeuge der United States Army Air Forces und der Royal Air Force flogen dabei 9000 Einsätze. Darunter denjenigen in Balingen.
Am 22. Februar, es war ein Donnerstag, und es lag Schnee, näherte sich gegen 13 Uhr ein amerikanisches Kampfgeschwader von Nordwesten her der Eyachstadt. Über dem Bahnhof ließen die Piloten dann um 13.05 Uhr ihre tödliche Fracht herabregnen: 60 Zehn-Zentner-Bomben gingen nieder. Doch die Sprengkörper verfehlten ihr Ziel knapp, schlugen vielmehr mit immer lauter werdendem Pfeifen in die angrenzenden Häuser ein und legten diese in Schutt und Asche.
Einen Volltreffer erlitt die gegenüber des Bahnhofs liegende Trikotfabrik Conzelmann & Co, in der eine Außenstelle der Oberndorfer Waffenschmiede Mauser untergebracht war. Auf dem Fabrikgelände, wo sich heute ein Elektronik-Markt befindet, standen auch Wohnungen, in denen sich zum Zeitpunkt des Angriffs Fremdarbeiter der Waffenfabrik aufhielten. Viele von ihnen starben, als sie von den Trümmern verschüttet wurden. Im Hof klaffte ein acht Meter tiefer Bombentrichter. In der benachbarten Maschinenfabrik kamen der Fabrikant Karl Friedrich Wahl und dessen Familie sowie die Haushälterin ums Leben. Sie hatten vergebens Schutz im Luftschutzkeller ihres Hauses gesucht.
Die amerikanischen Kampfpiloten setzten ihren Angriff fort: Nur Minuten nach der ersten Attacke gingen Bomben über dem Heuberg und der Schützenstraße nieder und zerstörten eine Reihe von Häusern.
Doch auch nachdem die Bomberstaffel abgedreht hatte, kamen die Balinger nicht zur Ruhe: Einige der Sprengkörper waren mit perfiden Zeitzündern versehen. Die ganze Nacht hindurch bis zum nächsten Tag gab es weitere Detonationen. Am Balinger Bahnhof starb am 23. Februar 1945 Gerhard Ulrich durch eine solche Zeitbombe (siehe auch untenstehenden Artikel).
Die letzte Zeitzünderbombe explodierte am 23. Februar in der Olgastraße und legte dort das sogenannte Egelhaaf’sche Haus in Schutt und Asche. Zum Zeitpunkt der Detonation war in der Olgastraße ein Dutzend Feuerwehrmänner mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Wie durch ein Wunder wurde keiner von ihnen verletzt – aufgrund eines erneuten Fliegeralarms befanden sie sich zu dem Zeitpunkt in einem Luftschutzbunker. Noch 14 Tage nach dem eigentlichen Angriffstag wurde ein Blindgänger auf dem Baltrik-Gelände gefunden und außerhalb der Stadt zur Explosion gebracht.
30 Menschen kamen durch den Bombenangriff vom 22. Februar 1945 in Balingen zu Tode. Der Sach- und Gebäudeschaden war beträchtlich. Nicht nur die beiden Fabrikgebäude, auch zahlreiche Wohnhäuser in deren Umgebung sowie am Heuberg in der Schützenstraße wurden zerstört, ebenso das dortige Schützenhaus.