Barbara Paß und Günther-Martin Pauli am Dienstag im digitalen Ausstausch mit Bürgern aus dem Kreis.Foto: Landratsamt Foto: Schwarzwälder Bote

Bürgerdialog: Landrat und Psychologin sprechen über Corona-Balance-Akt in Familien

"Trotz Corona – Balance in Familien stärken" war das Thema in Günther-Martin Paulis Bürgerdialog am Dienstag. Zu Gast hatte der Landrat Barbara Paß, Diplom-Psychologin und Leiterin der Erziehungsberatungsstellen im Zollernalbkreis. Die Beratungsstellen erfassen, so Paß, eine "deutliche Belastetheit" bei Kindern.

Balingen. "Wir stellen fest, dass bei einem nicht unerheblichen Teil der Kinder und Jugendlichen mehr Ängste und Unsicherheiten auftreten. Der Kontakt zu Gleichaltrigen fehlt einfach", erklärte Paß. Die Belastetheit sei hoch. Man stelle aber auch fest, dass Kinder sich mit Ideen in die Familien einbringen, um die Lockdown-Situation zu bewältigen.

Landrat Pauli fragte Paß darauf in aller Deutlichkeit: "Was brauchen die Kinder zurzeit?" Die Expertin dazu: "Sehr viel Zuwendung, auch körperliche. Sie brauchen Regeln, Strukturen, die eine festen Tagesablauf ermöglichen." Als Beispiel nannte sie eine Uhrzeit, zu der jeden Tag das Home-Schooling beginnen soll. All das müsse austariert werden.

"Halten Sie es denn für gesund, dass die Bewegungsmöglichkeiten der Kleinen so eingeschränkt sind?", fragte Pauli weiter und spielte damit auf fehlenden Vereinssport und das Toben mit Gleichaltrigen an. "Die Kids müssen sich hier andere Wege suchen, manchen gelingt das, anderen gelingt das nicht." Die Ermüdung, den Lockdown auszuhalten sei merklich, und das Bedürfnis nach Vereinssport groß, berichtete die Psychologin. "Das fahren auf Sicht, wie im Nebel, macht allen zu schaffen." An der Stelle schwenkte die Diskussion zum Home-Schooling. Pauli wollte wissen, ob das zurückliegende ein verlorenes Schuljahr gewesen sei. Das komme auf die Situation in der Familie an, sagte Paß. Manche Familien seien richtige Experten auf dem Gebiet geworden, und in anderen verlören sich die Kinder in den sozialen Medien und hätten keine Motivation mehr, zu lernen. "Schulsystem und Gesellschaft müssen nach diesen Kindern schauen", forderte Paß.

"Sind die Menschen im Lockdown aggressiver geworden?"

Eine Zuseherin wollte wissen, wie man Familien mit Kindern generell helfen kann im Moment. "Nachbarschaftliches Helfen ist wichtig", empfahl Paß, obgleich das wegen der Kontaktbeschränkungen natürlich schwieriger sei als in "normalen" Zeiten. Außerdem könne es helfen, auf die Erziehungsberatungsstellen hinzuweisen, die es in Albstadt, Hechingen und im Balinger Generationenhaus gibt. Die Beratung sei kostenlos, betonte Paß. In dem Zusammenhang bedankte sich Pauli bei allen Menschen im Zollernalbkreis, die hilfsbreit und kreativ Einkäufe, Fahrdienste und Anmeldungen für Impftermine für ältere Menschen übernehmen.

Ein weiterer Zuseher wollte wissen: "Sind die Menschen im Lockdown aggressiver geworden?" Das Wort "aggressiv" vermied Paß, sie sagte aber: "Die Menschen sind angespannter, diese hochkomplexe Situation bringt alle an die Belastungsgrenze." Sie bestätigte, dass es im Lauf des Lockdowns bei den Beratungsstellen vermehrt Anfragen zu den Themen Gewalt und Konflikte gebe.

Tröstliche Worte gab’s zum Schluss vom Landrat: "Der Frühling kommt, das ist sicher." Vogelgezwitscher mache zumindest ihn schon morgens glücklich. Und mit den steigenden Temperaturen seien auch die Treffen im Freien wieder schöner.

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