Mit einem Sarg und einem Gedicht wurde der Nordschwarzwald symbolisch zu Grabe getragen. Foto: Wiegert

Immer mehr Politiker begrüßen den Nationalpark. SPD-Gemeinderatsfraktion hofft auf positive Effekte.

Freudenstadt/Baiersbronn - Die Pfeifkonzerte hallen noch nach, die Bekenntnisse auch: Während Nationalparkgegner am Mittwoch in Baiersbronn ihren Zorn entluden, scheint sich die Politik im Kreis für das geplante Projekt zu erwärmen.

"Ein Nationalpark bietet mehr Chancen als Risiken für die Region" – dieser Satz aus Kommunalpolitikermund lässt am Mittwoch gleich zweimal aufhorchen: Zuerst ist es Freudenstadts Oberbürgermeister Julian Osswald, der ihn bei der Vorstellung des Nationalparkgutachtens im Kienbergsaal des Kurhauses spricht.

Der CDU-Mann nutzt die Veranstaltung der SPD für ein persönliches Statement in Sachen Nationalpark. Er habe von Anfang an gesagt, dass er das Projekt kritisch begleiten und das Gutachten abwarten wolle, sagt der OB. Zwar seien jetzt noch einige Fragen offen und die Tourismuszahlen im Gutachten für ihn kein Allheilmittel, "doch die Chancen für die Region überwiegen", so Osswald.

Ob auch die Bürgerbefragung zum Nationalpark in Freudenstadt positiv ausfällt, ist für ihn schwer abzuschätzen, aber "ich gehe davon aus, dass der überwiegende Teil der Freudenstädter Bevölkerung das ebenso sieht", meint das Stadtoberhaupt. Unterstützung bekam er gestern aus dem Gemeinderat: "Die SPD-Fraktion begrüßt mehrheitlich die Einrichtung eines Nationalparks Schwarzwald und erhofft sich positive Aspekte für unseren ländlichen Raum, nicht nur in finanzieller Hinsicht", melden die Sozialdemokraten.

"Mehr Chancen als Risiken"

Am Mittwochabend, bei der Gutachtenpräsentation mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Agrarminister Alexander Bonde in Baiersbronn, ist es der Landrat, der diesen Satz sagt. Klaus Michael Rückert bietet den tobenden Nationalparkgegnern in der Schwarzwaldhalle die Stirn und legt sich fest. Für ihn persönlich habe das Projekt mehr Chancen als Risiken, sagt er und den Satz: "Ich bin für einen Nationalpark im Kreis Freudenstadt." Damit bricht bei manchen Gegnern der Damm: "Lügner, Lügner", rufen sie dem Landrat zu. Wenig später trifft die Wut den Ministerpräsidenten und seinen Minister: "Schämt euch", hallt es ihnen entgegen.

Winfried Kretschmann hat es am Mittwoch oft schwer, gegen Pfeifkonzerte anzureden. Die Heimatgesänge, die in Bad Wildbad erklangen, bleiben zwar aus, dafür wird der Nordschwarzwald mit Gedicht und Sarg symbolisch zu Grabe getragen. Kretschmann bleibt gelassen: "Gedichte unterliegen der künstlerischen Freiheit und verdienen Respekt, deshalb lassen wir das so stehen und bedanken uns dafür", kommentiert er das Spektakel.

Für den Baiersbronner Bürgermeister Michael Ruf waren die heftigen Reaktionen auf Kretschmann und Bonde absehbar: "Ich habe damit gerechnet, dass sich die Nationalparkgegner die Chance nicht nehmen lassen, ihren Unmut kundzutun", sagt er. Die eigene Gemeinde nimmt er aber etwas aus der Schusslinie: "Das waren nicht nur Baiersbronner, sondern Menschen aus der ganzen Region."

Insgesamt, so Ruf, seien unter den Nationalparkgegnern viele Vertreter der Landwirtschaft. "Vielleicht findet hier eine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber der Politik ihre Plattform", vermutet er. Jedenfalls sei das nicht der Querschnitt aller Baiersbronner, so Ruf. Er hält daher den Ausgang der Bürgerbefragung zum Nationalpark für völlig offen: "Wie die schweigende Mehrheit dazu steht, kann man nicht abschätzen."

Die Außenwirkung der Veranstaltung vom Mittwoch aber anscheinend schon: "Egal ob mit oder ohne den Naturschutzpark, hier wollen wir uns nicht mehr erholen. Wer Andersdenkende so behandelt, kann kein aufrechter Gastgeber sein", kommentiert ein Feriengast auf der Internetseite des Schwarzwälder Boten unter der Überschrift "Nie wieder".