Es geht voran an der Baustelle – aber nur langsam. Foto: Semenescu

Finanzministerium geht inzwischen von 50 Millionen Euro Gesamtkosten aus. Nicht der erste Kostensprung.

Baiersbronn/Seebach - Das geplante Besucherzentrum Ruhestein, von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vor Jahren begeistert als "Herzensanliegen" beschrieben, wird immer teurer. "Die Gesamtkosten der Maßnahme werden sich ... voraussichtlich auf rund 50 Millionen Euro belaufen", bestätigt John-Nicolas Heinemann vom baden-württembergischen Finanzministerium im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wie gesagt: "voraussichtlich". Schließlich ist es nicht der erste Kostensprung, den die Zuständigen in Sachen Ruhestein zu verkünden haben. Im Gegenteil: Alles in allem kann man von einer Verdoppelung der Kosten seit den ersten Planungsansätzen sprechen. Auch die avisierte Eröffnung des Zentrums, das zur zentralen Anlaufstelle für Besucher samt Ausstellungen, Gastronomie und einem Shop werden soll, verschiebt sich. "Stand heute streben wir an, dass das Besucherzentrum Ende 2020 eröffnet wird", meint Heinemann: Wie gesagt: "Stand heute" und "streben wir an".

Fachbereichsleiter will lieber nichts sagen

Vorsichtshalber fasst der Behördensprecher aber schon weitere Verschiebungen ins Auge. "Witterungsabhängig und abhängig vom Verlauf der Montage der wesentlichen Holz- und Stahlbauteile ist der Zeitplan gegebenenfalls fortzuschreiben." Zur Erinnerung: Ursprünglich war die Eröffnung am Ruhestein zwischen Baiersbronn (Kreis Freudenstadt) und Seebach (Ortenaukreis) für Anfang 2019 ins Auge gefasst worden. Lediglich das Verwaltungsgebäude solle bereits in diesem Herbst fertig werden, meint Heinemann. Ein Trost ist das freilich nicht.

Glücklich ist man im Nationalpark über die neuen Hiobsbotschaften nicht gerade – äußert sich aber betont zurückhaltend. Die Kostenfrage "liegt nicht in unserer Verantwortung", sagt Charly Ebel, Leiter des Fachbereichs Besucherzentrum. "Wir haben keinerlei Einfluss auf die Abläufe des Bauprojekts". Im Kern heißt das: Wir wollen zu dem Problem Besucherzentrum lieber nichts sagen. Allerdings fügt Ebel unmissverständlich hinzu: "Wir wünschen uns, dass es baldmöglichst eröffnet wird." Das klingt nach mühsam unterdrücktem Frust.

Löwenanteil trägt das Land

Blick zurück: In einer ersten "Grobkostenschätzung" wurde vor Beginn der Bauarbeiten Ende 2016 noch mit 22,5 Millionen Euro kalkuliert, plus einem Risikopuffer von drei Millionen. Später wurden die Kostenberechnung auf 32 Millionen Euro erhöht. Im vergangenen Jahr ging man von knapp 45 Millionen Euro aus. Jetzt beziffert das Ministerium die Kosten für das Zentrum auf 35,5 Millionen.

Die Gesamtmaßnahmen werden mittlerweile sogar auf rund 50 Millionen Euro geschätzt. Darin enthalten sind unter anderem die durchaus üppigen Posten "öffentliche Erschließung" (4 Millionen), Risikovorsorge (3,4), Ausstellungen (3) sowie Parkplätze (2 Millionen). Den Löwenanteil der Finanzierung trägt das Land Baden-Württemberg. Zur Begründung der immer weiter steigenden Kosten führt die Regierung vor allem die Preiserhöhungen in der Baubranche an. Der wahre Schuldige sei demnach der Bauboom. "Die Kostensteigerungen durch die Baukonjunktur war für uns nicht so voraussehbar, zumindest nicht in diesem Ausmaß", versichert Heinemann.

Zwar werde bei größeren Bauvorhaben wie diesem eine Risikovorsorge von jährlich 2,5 Prozent der Gesamtkosten angesetzt – die Baupreise seien in den vergangenen Jahren aber weitaus stärker gestiegen, räumt das Ministerium ein. Nur ein Beispiel: Allein die Kosten für die Dachschindeln schossen um 71 Prozent in die Höhe. Zudem habe es Änderungen gegeben, "die auf zwingende gesetzliche Regelungen zurückzuführen" sind – etwa im Bereich der Technik. Auch die Entscheidung, ganz überwiegend heimisches Holz zu verwenden, habe die Kosten nach oben geschraubt.

Spektakuläres Gebäude soll pro Jahr 100.000 Besucher anlocken

Das Besucherzentrum war ein Vorzeigeprojekt der von 2011 bis 2016 regierenden grün-roten Landesregierung. Der Nationalpark selbst sprach seinerzeit von einer "spektakulären Architektur" – gemeint waren vor allem der offene "Skywalk", bei dem sich die Besucher auf Baumwipfelhöhe ergehen können, sowie der schräge Aussichtsturm. Als Blickfang im Inneren ist unter anderen eine mächtige, liegende Tanne geplant.

Für rund 100.000 Besucher pro Jahr ist das Zentrum ausgelegt, allein ein Drittel der insgesamt 3000 Quadratmeter Fläche sind für Ausstellungen reserviert. Klingt das nicht alles in allem ein wenig gigantisch? Wäre das nicht eine Nummer kleiner gegangen? Ist ein solch großes Projekt ökologisch zu verantworten, passt es in die Schwarzwald-Landschaft – noch dazu in einen Nationalpark? Ebel teilt derartige Bedenken offenbar nicht. Die Eingriffe in die Landschaft seien durchaus gering gewesen, Ebel spricht von "Minimaleingriffen", man habe lediglich "sehr, sehr wenige Bäume" fällen müssen.

"Ein Großteil des Gebäudes steht auf einer alten Parkplatzfläche." Auch optisch gebe es nichts zu meckern, von Gigantismus keine Spur, findet Ebel: "Das Projekt fügt sich nach unserer Ansicht nach sehr gut in die Landschaft ein. Alles in allem wird es noch unauffälliger, als wir es uns gedacht haben." Zudem sei fast alles aus Holz. Allerdings räumt auch Ebel ein, dass Kritiker alles als ein bisschen zu groß und zu gewaltig bewerten könnten – und als zu teuer. Doch habe bekanntermaßen jeder "ein anderes Empfinden".

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