Reiner Bergmann (links) mit Obmann Erich Frey bei seinem 1000. SpielFoto: Archiv Foto: Schwarzwälder Bote

Fußball: Reiner Bergmann aus Baiersbronn ist seit 1983 Schiedsrichter / Mangel an Unparteiischen wird mehr und mehr Zum Problem

Reiner Bergmann aus Baiersbronn pfeift seit 1983 und ist auch seit mehr als 20 Jahren für die Ausbildung der Unparteiischen zuständig.

Seit fast 40 Jahren Schiedsrichter, seit 1997 im Lehrstab des Württembergischen Fußballverbands (WFV) und seit 2012 im Verbandsschiedsrichterausschuss – Reiner Bergmann, der für den SV Baiersbronn in der Gruppe Calw tätig ist, kann auf eine ausgeprägte und bewegte Schiedsrichterlaufbahn zurückblicken.

Die 1000er-Marke hat der 60-Jährige schon vor fast fünf Jahren geknackt. Damals leitete er die Partie zwischen der Spvgg Berneck/Zwerenberg und dem FV Asch-Sonderbuch in der Frauenfußball-Landesliga. Inzwischen ist Bergmann schon bei etwa 1250 Spielen angekommen. Zum Jahresbeginn ist er als Ausbilder in der Polizeihundestaffel Rottweil in Pension gegangen. "Jetzt ist wieder viel Zeit für den Fußball", sagt der 60-Jährige, der allerdings auch schon vor seinem Ruhestand etliche Stunden in seine Arbeit als Schiedsrichter investiert hat. Zwar pfeift der Baiersbronner selber nur noch wenig, doch beobachtet er andere Schiedsrichter bis in die Oberliga. "Jedes Wochenende ein bis zwei Mal." Und die Beobachtungen – auch von anderen – müssen ausgewertet werden. "Das ist sehr zeitintensiv."

Dabei hat die Schiedsrichter-Szene seit Jahren damit zu kämpfen, dass einfach nicht genug Freiwillige diese Arbeit übernehmen wollen. Dabei gehört ein Schiedsrichter ebenso zum Fußball wie alle 22 Spieler. "Durch Corona haben wir noch eine schlechtere Situation", sagt Bergmann. Viele, die erst angefangen hätten, hätten erst wenige Spiele pfeifen können. "Es ist schwierig, die bei der Stange zu halten." Sorge bereite dem 60-Jährigen, ob auch weiterhin immer alle Spiele besetzt werden könnten. So schnell wäre es nicht möglich, den Mangel an Freiwilligen zu beheben.

Dabei ist Reiner Bergmann klar, dass nicht jeder Schiedsrichter werden möchte. Aber er sagt: "Bei mir hat das zur Persönlichkeitsfindung beigetragen." Er kenne viele junge Menschen, denen das Schiedsrichter-Amt bei der Berufswahl geholfen habe. "Das bringt einen weiter", ist sich Bergmann sicher. Wie er seinen viele Polizisten auch Schiedsrichter. "Das liegt vermutlich daran, dass man in beiden Bereichen gut darin sein muss, Konflikte zu lösen."

Reiner Bergmann selber macht das Schiedsrichter sein auch nach fast 40 Jahren immer noch Spaß – trotz negativer Erfahrungen, die er auch schon machen musste. "Ich wurde schon einmal von einem Spieler heftig gestoßen", dabei ging es um eine Lappalie wie einen Einwurf. "Ich hatte bis dahin auch immer gedacht, dass mir das nicht passieren würde", so Bergmann. Aber inzwischen würde der WFV viel dafür tun, um den Schiedsrichtern zu helfen, wenn sie in solche Situationen geraten.

"Wir sind zwar Einzelkämpfer, aber deshalb versuchen wir, die Schiedsrichter dafür zu sensibilisieren, wie man damit umgeht. Wir haben Ansprechpartner, um Schwieriges aufzuarbeiten", sagt Bergmann.

Wirklich einfach sei es in den vergangenen Jahren aber nicht geworden. "Der Respekt nimmt immer weiter ab." Dabei beobachte er überall das gleiche – egal ob bei den Männern, Frauen oder bei der Jugend. "Emotionales gehört dazu, aber es gibt einfach Grenzen. Wer will denn bitte beleidigt oder angegangen werden?" Deshalb würden auch viele neue Schiedsrichter nach ein paar Jahren wieder aufhören.

Gut findet Bergmann, dass Trainer beim WFV seit etwa 15 Jahren inzwischen auch den Schiedsrichterschein machen müssten. "Das gibt einen anderen Einblick und hilft allen weiter." Das heiß es muss der Kurs belegt und fünf Spiele geleitet werden – Jugend, Reserve und Kreisliga B. "Es hilft, dass Trainer auch die Seite des Schiedsrichters sehen. Ich habe schon erlebt, dass der ein oder andere, der beim Kurs war, gelassener reagiert, wenn es beim Spiel mal hitzig wird. Zwar denken die Trainer am Anfang oft, dass es ein lästiges Übel ist, aber der ein oder andere bleibt uns auch erhalten. Besonders im Jugendbereich."

Zu den Herausforderung für einen Schiedsrichter gehört auch, dass vielen Trainern und Vereinsverantwortlichen das Regelwerk nicht immer in der richtigen Form bekannt sei. Hinzu kommen auch verschiedenen Auslegungen. Als Beispiel nennt Bergmann die Handspiel-Regel. "Das ist nicht in den Griff zu bekommen. Hier gibt es zu viele verschiedene Wahrnehmungen." Bei circa 200 bis 300 Entscheidungen pro Spiel sei es für einen Schiedsrichter nicht möglich, immer richtig zu liegen. "Selbst beim Videobeweis gibt es oft keine Einigkeit – und der bietet verschiedene Perspektiven. Ein Schiedsrichter in den unteren Ligen hat nur eine Perspektive. Damit müssen wir alle umgehen. Wir können nicht fehlerfrei sein. Eine Fehlentscheidung ist sicher nie böswillig und meistens gleicht sich das in einem Spiel dann auch wieder aus."

Zu einem seiner schönsten Erlebnisse in seiner langen Karriere als Schiedsrichter gehört, dass er einmal einem 28-Jährigen, der bei einem Spiel einen Herzstillstand erlitt, gemeinsam mit einer jungen Frau das Leben retten konnte. Außerdem habe er bereits den VfB Stuttgart, die Stuttgarter Kickers und den Karlsruher SC pfeifen dürfen. "Wenn die im Trainingslager waren, haben sie auch schon in Baiersbronn und Freudenstadt gekickt", blickt Bergmann zurück.

Reiner Bergmann, der selber mit dem Fußball erst spät angefangen hat, spielte bei der Spvgg Friedrichstal und wechselte dann nach Baiersbronn. "Erst als die Knie kaputt waren habe ich mich entschlossen, voll Schiedsrichter zu sein." Und mit absoluter Überzeugung sagt der 60-Jährige: "Bis zum heutigen Tag habe ich es keinen Tag bereut – mit allen Unwegsamkeiten." Dabei ist es für Bergmann selbstverständlich, sich fit zu halten. "Schiedsrichter sein ist ein Sport. Auch mit meinen 60 Jahren versuche ich alles zu geben. Ich würde auf keinen Sportplatz gehen, wenn ich nicht fit wäre. Und solange das geht, werde ich mich noch auf dem Platz rumtreiben."

Ein Infoabend für Neulinge findet für die Schiedsrichtergruppen Böblingen/Calw und Nördlicher Schwarzwald am 25. Februar statt. "Der Link dazu kommt in Kürze auf die Homepage des WFV. Hierzu dürfen sich gerne auch noch nicht angemeldete Interessenten zuschalten."

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