Zwischen Auerhahn und Hirsch klafft eine Lücke in der Beliebtheitsskala. Foto: Kolb

Rothirsch belegt in Studie über Lieblingstiere der Nationalpark-Besucher einen vorderen Platz.

Baiersbronn - Liebe geht durch den Magen, Bildung mitunter auch: Bei einem kulinarischen Vortragsabend im Rahmen des Forschungsprojekts "Wissensdialog Nordschwarzwald" beleuchteten Experten die Attraktivität von Wildtieren im Nationalpark Schwarzwald – in freier Natur und auf dem Teller. Vier Menü-Gänge, vier Referenten – unter dem Motto "Wildschwein, Hirsch, Bachforelle & Co." ging es um die Frage, wie die Wildtiere der Region Nordschwarzwald von Einheimischen und Nationalparkbesuchern wahrgenommen werden.

Das erste Tier, das den Teilnehmern der Veranstaltung in der neuen Nationalparkstube des Schwarzwaldhotels Tanne in Tonbach (Kreis Freudenstadt) begegnete, war das Wildschwein. Von Hotelier Jörg Möhrle und seinem Küchenteam gekonnt in gebackenem Strudel mit Preisel­beer­jus, gebratenem Rosenkohl und Petersilienwurzelpüree serviert, konnte es kulinarisch durchaus beeindrucken.

Auf einer Sympathie-Skala landet es dennoch nur im Mittelfeld, wie Andy Selter von der Universität Freiburg erläuterte. In Zusammenarbeit mit der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg hatten er und sein Team im vergangenen Sommer und Herbst 350 Nationalparkbesucher und 120 Einheimische zu den Wildtieren der Nationalparkregion befragt. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Die Eule und das Reh sind die größten Sympathie-Träger im Nordschwarzwald, dicht gefolgt von Rothirsch und Falke. Rund 90 Prozent der Befragten können diesen Tieren am meisten abgewinnen. Auerhuhn, Fledermaus, Fuchs und Luchs beeindrucken immerhin noch 70 Prozent, während das Wildschwein und der Wolf von lediglich der Hälfte der Befragten als attraktiv empfunden wird.

Mehr als den Wolf fürchten die Befragten das Wildschwein

Ein Drittel glaubt übrigens, dass der Wolf schon im Nordschwarzwald lebt; 40 Prozent halten ihn für gefährlich. Mehr als den Wolf fürchten sie jedoch das Wildschwein: 75 Prozent der Befragten wollen ihm in freier Wildbahn lieber nicht begegnen.

Für die Forscher sind diese Zahlen durchaus interessant, zumal Tiere oft als Werbebotschafter eingesetzt werden. "Wir erhoffen uns von der Studie neue Erkenntnisse darüber, wie sich bestimmte Tierarten fürs Marketing oder zur Kommunikation über Natur- und Umweltthemen eignen", erklärt Selter.

Interessante Informationen gab es aber auch am Rande der Befragung: So stehen Aktivität, Naturerlebnis und Ruhe bei der Motivation, den einzigen Nationalpark in Baden-Württemberg zu besuchen, ganz vorn. Dafür nehmen sich die Gäste dann auch viel Zeit: Mindestens drei Stunden und mehr verbringen die meisten im Park, und sie beschäftigen sich anschließend intensiver mit den Themen Tier- und Naturschutz.

Ein Herzenzbrecher ist sie nicht, aber geschmacklich kann sie punkten: die Bachforelle. Sie wird von den meisten Befragten in erster Linie als "lecker" beschrieben. Dass die Probanden damit Recht haben, zeigte der zweite Gang mit Buhlbacher Forellenfilet im Wirsingblatt mit Rieslingsoße und Perlgraupenrisotto, bevor Ulrich Schraml von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt einen mythischen Blick auf die Tierwelt warf. Was Tierassoziationen im Kopf des Menschen bewirken, habe meist einen kulturgeschichtlichen Hintergrund, meinte der Referent, und darunter treffe es vor allem den Rothirsch. Er scheint bis heute ein Symbol für Erotik zu sein.

So hat laut Schraml ein österreichischer Autor erkundet, was sich die Deutschen am liebsten über ihr Bett hängen – nach Bildern der Mutter Gottes sind es Motive vom röhrenden Hirsch. Dessen Geweih stand in der Jagd früher außerdem für einen hohen gesellschaftlichen Stand und Macht. Letztere soll es wohl auch im Landeswappen Baden-Württembergs für die Politik verkörpern.

Wie gut das Wecken von Assoziationen mit Tierbildern klappt, zeigt auch ein neueres Beispiel: Wenn Finanzinvestoren beispielsweise als Heuschrecken bezeichnet werden, muss eigentlich nichts weiter erklärt werden: "Wenn die da waren, ist alles kahl und platt", laute die Botschaft, meint Schraml. Wer in einem Nationalpark Management betreibt, habe es nicht nur mit einem Ökosystem zu tun, sondern auch mit diesen Symbolen. Deshalb sei es mit Blick auf die Akzeptanz eines Projekts wichtig zu wissen, welchen Film bestimmte Arten in den Köpfen der Menschen auslösen.

Mit Tomahawk-Steak vom Rothirsch und Geschnetzeltem vom Rehnüsschen kommt man den Lieblingen der Waldbesucher schon ganz nah, doch in freier Wildbahn ist das eher selten, weiß Friedrich Burghardt, Leiter des Schalenwildmanagements im Nationalpark Schwarzwald. Die stattlichen Tiere sind äußerst scheu, und das hat seinen Grund: Auf nicht einmal vier Prozent der Waldfläche des Landes werden sie derzeit überhaupt geduldet, denn zum Schutz der Landwirtschaft und Waldflächen vor Verbiss sind die Rotwildgebiete in Baden-Württemberg auf fünf kleine Reservate in Hochlagen beschränkt. Außerhalb dieser Gebiete werden die Tiere intensiv bejagt.

Der Rothirsch sei sozusagen kaserniert, meint der Experte, und sieht sich als Wildtiermanager deshalb besonders in der Verantwortung. Burghardts Ziel: Bis zum Jahr 2021 soll in Abstimmung mit den angrenzenden Waldbesitzern die Kernzone des Nationalparks Schwarzwald jagdfrei sein. Auf zirka 3000 Hektar Fläche hätten die Tiere dann eine Art Ruhe- und Rückzugszone. Dass der Prozessschutz auch für große Pflanzenfresser möglich ist, zeigt laut Burghardt ein Blick in die Schweiz: Im jagdfreien Nationalpark im Engadin bereitet das Rotwild keine Probleme und hat sich wieder an den Menschen gewöhnt. Dort können Besucher die stattlichen Hirsche tagsüber an den Waldrändern beobachten.

An der Alexanderschanze sollen Wisente erlebbar werden

Vor Heidelbeersüppchen, Mädesüß-Panna Cotta und Tannenzapfenpraline zeigte Moritz Casimir Franz-Gerstein, wie er den Nationalparkbesuchern das Naturerlebnis dennoch versüßen will. Im geplanten Wildtierpark an der Alexanderschanze (Kreis Freudenstadt) sollen Wisente so naturnah wie möglich erlebbar werden. "Wir können uns nicht den Naturschutz auf die Fahne schreiben und dann einen Zoo bauen", meint der Experte, deshalb sollen in diesem Park die Menschen eingesperrt werden, nicht die Tiere. In der Praxis bedeute dies, dass Parkbesucher auf den immer gleichen, vorgegeben Wegen gehen müssen, um die Tiere zu sehen. Für Franz-Gerstein hätte dies den Vorteil, dass die Menschen für die Tiere berechenbar werden.

Dass sich der Förderverein des Wildtierparks ausgerechnet für das schwäbische Bison als Parkbewohner entschied, hat seinen Grund: Die robusten Zottler halten es in der unwirtlichen Höhenlage das ganze Jahr über aus und haben durchaus Schauwert, wie Franz-Gerstein betont. Das Auerhuhn beispielsweise sei weniger ansprechend und daher eher was für Spezialisten.

Damit liegt der Projektleiter durchaus richtig, wie sein Kollege Ulrich Schraml weiß: Seit der Folge des Krimi-Bestseller "Wallander", in der der demente Vater des Kommissars immer das gleiche Bild mal mit und mal ohne balzenden Auerhahn malt, stehe das Tier in der Wahrnehmung der Menschen oft für senil und vertrottelt, meint der Experte.