Wie bereits in Bad Wildbad verschafften sich die Gegner bei der Vorstellung des Nationalparkgutachtens in der Schwarzwaldhalle in Baiersbronn lautstark Gehör. Foto: Fritsch

Vorstellung des Nationalpark-Gutachtens: In Freudenstadt bleibt’s ruhig – in Baiersbronn wird’s richtig laut.

Baiersbronn/Freudenstadt - Nach einem versöhnlichen Termin in Freudenstadt ist der Widerstand in Baiersbronn ungebrochen. Wie bereits in Bad Wildbad verschafften sich die Gegner bei der Vorstellung des Nationalparkgutachtens in der Schwarzwaldhalle lautstark Gehör – mit ohrenbetäubenden Trillerpfeifen-Einlagen.

Dass der Nationalpark kein Alleingang der Grünen ist, verdeutlicht nicht zuletzt die Veranstaltung gestern Nachmittag in Freudenstadt, zu der die SPD-Landtagsfraktion eingeladen hatte. Im Kurhaus ist die Stimmung locker. Beinahe unbemerkt mischen sich der Fraktionschef der SPD, Claus Schmiedel, und Alexander Bonde, Minister für ländlichen Raum, unter die Gäste. Es wird geplaudert, während ein paar Mitarbeiter noch die Banner mit den vier Suchraumvarianten positionieren.

Der Gastgeber tritt ans Rednerpult und wird mit freundlichem Applaus empfangen – im Hinblick auf die Vorstellung des Nationalparkgutachtens in Bad Wildbad vor einer Woche haben er und Bonde an diesem Nachmittag leichtes Spiel. Eine internationale Aufwertung der Marke Schwarzwald könne der Nationalpark mit sich bringen, so Schmiedel. "Einen neuen Impuls für den Nordschwarzwald" verbindet er mit der Errichtung. Dennoch – auch kritischen Stimmen will er Raum geben. "Wir sind in Stuttgart ganz andere Sachen gewohnt", schmunzelt der SPD-Fraktionschef in Richtung der Nationalpark-Kritiker. Und die lassen die Veranstaltung diesmal ohne Zwischenfälle über die Bühne gehen.

Aufmerksam verfolgen die Zuhörer die Erläuterungen der Gutachter. Einige lesen sogar parallel in der Zusammenfassung mit, machen sich Notizen. Dann sind sie am Zug. "Wem haben wir es denn zu verdanken, dass der Schwarzwald international bekannt ist? Haben die Grünen oder der NABU vielleicht den Schwarzwald erschaffen?«, fragt ein Loßburger und versucht, den Agrarminister aus der Reserve zu locken. Was ihm nicht gelingt. Bonde kontert mit einem Lächeln. Ein Zuhörer aus Wittlensweiler will wissen, ob beim Thema Wildtiermanagement mit einer Vorgehensweise wie im Nationalpark Harz gerechnet werden müsse.

Dort würde das Wild in sogenannte Gatter gelockt und dann erschossen. "So arbeiten wir nicht. Das sage ich in aller Deutlichkeit!", antwortet Bonde. Viel Applaus erntet eine Freudenstädterin, die sich als Fan des Nationalparks outet. »Ich würde mich freuen, wenn er kommt, auch für meine Kinder« sagt sie. Ihre an Landrat Klaus Michael Rückert gerichtete Frage, welches Angebot der Kreis Freudenstadt machen könne, um den Zuschlag für den Nationalpark zu beantworten, bleibt allerdings unbeantwortet.

Einen schweren Stand hat Rückert am Abend in Baiersbronn. Schon seine Begrüßung geht im Trillerpfeifen-Lärm unter, gegen den auch das Klatschen der anderen kaum ankommt. Auch später wird der Landrat immer wieder unterbrochen, zum Beispiel nach der Feststellung, dass es ehrenwert sei, für einen Nationalpark zu sein. Als die Buhrufe und das Pfeifen verklungen sind, fügt er hinzu, er habe noch sagen wollen, dass es genauso ehrenwert sei, dagegen zu sein.

"Die Bürgerbefragung werde ich als persönlichen Auftrag meiner Bürger sehen"

Rückert positioniert sich an diesem Abend klar für den Nationalpark. Und er macht nicht nur klar, wie er persönlich zu dem Thema steht, sondern stellt auch fest: "Die Flächen hier sind besonders geeignet."

Mit Baiersbronns Bürgermeister Michael Ruf wird gnädiger umgegangen. Er darf ausreden. Ruf zeigt sich denn auch als guter Diplomat, sieht die große Emotionalität – ganz ähnlich wie Rückert – als Zeichen für die tiefe Verbundenheit mit dem Wald, will den Lärm nicht als bloße Krawallmache oder gar Baiersbronn als Widerstandsnest bewertet wissen. Ruf schlägt den Bogen von den Anfängen der Nationalparkdiskussion bis in die Gegenwart, spricht unter anderem das für Baiersbronn so bedeutende Thema Tourismus an, der nach dem Gutachten von einem Nationalpark profitieren würde.

Doch eines stellt der Bürgermeister klar: Alle positiven Aussichten auf Tourismus und Wirtschaft könnten nur entstehen, wenn die Bürger hinter dem Projekt stünden. "Die Bürgerbefragung werde ich als persönlichen Auftrag meiner Bürger sehen", verspricht er. Als er erklärt, dass es für "uns Baiersbronner um unsere Heimat geht, die wir aus vollem Herzen lieben", da gibt es für ihn nur Applaus – von Nationalparkgegnern und den Befürwortern.

Ein gutes Gespür hat Bastian Kaiser von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg, der den Abend moderiert. Er bringt charmant und witzig Ruhe in den Saal, zumindest vorübergehend, sodass die Vorstellung der Ergebnisse des Gutachtens beinahe ohne Störungen klappt. Niveau in der Streitkultur hatte Kaiser gefordert – nicht in Dezibel, sondern in Argumenten. Doch als Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf die Bühne kommt, scheinen die guten Vorsätze im Publikum wieder vergessen: Applaus, Buh-Ruhe und Trillerpfeifenlärm gibt es auch für ihn.