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Baiersbronn Besuch im verwaisten Hotel im Tonbachtal

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Jutta und Jörg Möhrle haben seit Wochen schon keine Gäste mehr in ihrem Hotel. Foto: Meinert

Baiersbronn-Tonbach - Ein Hotel ohne Gäste ist ein unwirklicher Ort. Statt quirligem Leben herrscht gähnende Leere. Die bange Frage: Wie lange noch? Ein Stimmungsbild im Wellnesshotel Tanne im Tonbachtal.

Als es in China losging mit dem Coronavirus, hat sich Tannen-Wirt Jörg Möhrle noch gesagt: "Stell Dir vor, so etwas passiert in Europa!" Derart drastische Maßnahmen wie in Fernost, "das ist doch völlig unmöglich hierzulande".

Doch als dann später Italien abgeriegelt wurde, sei ihm klar geworden: "Jetzt wird es ernst." Heute ist sein Vier-Sterne-Haus seit gut zwei Wochen ohne Gäste, das Personal wurde nach Hause geschickt. Das Hotel ist zum Geisterhaus geworden. Möhrle und seine Frau Jutta sitzen auf rot-weiß gestreiften Cocktailsesseln in der Lobby. Er lässt sich seit neustem einen Bart stehen, trägt Jeans und ein grün-gemustertes Hemd, sie hat ihr Haar zu Zöpfen geflochten, beide machen ernste Gesichter. In der Lobby herrscht bedrückende Leere, der Blick schweift über die verwaiste Bar, im Restaurant stehen Tisch und Stühle so, als könnte jederzeit das Essen aufgetragen werden.

"Am 19. März sind die letzten Gäste abgereist", berichtet Jutta Möhrle. 76 Mitarbeiter zählt das Hotel, "im Moment arbeitet niemand", sagt sie. "Nur der Chef und die Chefin". Man spürt es deutlich: Das Ehepaar will nicht jammern und klagen, aber ihre Stimmen klingen seltsam matt, ohne Optimismus. "Schlimmer hätte es nicht kommen können", sagt der Chef. Total deprimierend sei es gewesen, als die Krise hereinbrach und die Gäste reihenweise stornierten. Die Telefone seien heiß gelaufen, geradezu angefleht habe man Gäste, doch nicht gleich auch Termine im Sommer abzusagen, sagt die Chefin. "›Dann kommen wir halt ein andermal‹", hätten die Gäste gesagt. "Dann wird es uns nicht mehr geben", habe sie mitunter geantwortet.

Verluste können kaum ausgeglichen werden

Die "Tanne" besteht seit 1868, ein Familienhotel in fünfter Generation, ein Wellnesshotel mit allen Schikanen. Es gibt eine "Baumhaus-Sauna" in zehn Meter Höhe, wer will kann dort in einem ausgehöhlten Tannenbaumstamm ein Schaumbad nehmen. Doch die alles entscheidende Frage, die das Ehepaar derzeit umtreibt, lautet: Wie lange wird der Shutdown noch anhalten, wann kehren die ersten Gäste zurück?

Die Landesregierung peile zunächst mal den 15. Juni an. Das ist noch eine lange Zeit bis dahin. Gerade im Frühjahr, um Ostern herum, wenn im Tonbachtal alles blüht und gedeiht, laufe das Geschäft besonders gut. So treibt die Möhrles die vage Hoffnung an, dass es früher als Mitte Juni wieder losgehen kann.

Dann ist da noch ein Problem: Die durchschnittliche Auslastung der "Tanne" liege bei über 90 Prozent. Doch das bedeute: "Verluste, die einmal gemacht sind, können wir nicht mehr aufholen. Wir können nicht 150 Prozent belegen", so der Chef. Was zusätzlich Sorgen bereite: Über 60 Prozent der Belegung gingen auf das Konto von Senioren. Doch ältere Menschen über 60 gelten als besonders Corona-gefährdet, die Frage sei, ob sie denn in diesem Sommer "überhaupt reisen dürfen – oder wollen".

Renovierung im Sommer ist nun abgeblasen

Aber es gibt auch Hoffnungsschimmer, sagt die Chefin, es gebe Gäste, die Gutscheine für spätere Übernachtungen kauften. Doch das alles sei kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, ein kleines Zeichen der Solidarität, mehr nicht. Zudem habe man in diesem Sommer eigentlich einige Zimmer renovieren wollen, eine Schreinerei sei schon aktiv geworden, sei mit 80 000 Euro in Vorleistung getreten, etwa um Material zu kaufen. Doch die Renovierung sei jetzt erst einmal abgeblasen. Es ist "kein schönes Gefühl", dem Handwerker absagen zu müssen. "Der Mann hängt doch genauso in den Seilen wie wir", so Jörg Möhrle.

Insgeheim macht er sich selbst Vorwürfe. "Eigentlich sind wir ja schuld", an den Problemen des Schreiners. "Aber wir können ja auch nichts dafür." Man versuche derzeit, eine Finanzierung der Bank zu erreichen, um dem Schreiner unter die Arme zu greifen. "Gut, dass die Regierung handlungsfähig ist und die Betriebe nicht hängen lässt", sagt Jörg Möhrle. So sehr die Anordnung zur Schließung sein Haus treffe – Protest gegen "die da oben" kennt er nicht. Im Gegenteil, ausdrücklich lobt er die Regierungen in Berlin und Stuttgart. Ein derart entschlossenes Handeln, Hilfspakete für Unternehmen und Arbeitnehmer durchzusetzen, "das hätte man doch gar nicht für möglich gehalten vor ein paar Wochen".

Jörg Möhrle spricht hier auch als Vize-Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) im Kreis. Vor allem aber fordert er eins: "Jetzt muss eine Strategie her, wie und wann wieder geöffnet werden kann." Unzähligen Betrieben gehe es so wie der "Tanne" – vielen noch schlechter.

Wenn sie durch das leere Hotel gehe, beschleiche sie ein Gefühlt der Ohnmacht, sagt Frau Möhrle. "Das Haus hat immer gelebt, jetzt habe ich das Gefühl, als wäre ein Leben genommen." Ihre gegenwärtige Stimmung beschreibt sie so: "Zwischen Hoffen und Heulen."

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