Wenn es so kommt, wie von der Bahn geplant, hält ab 2035 für fünf Jahre kein Zug im Lahrer Bahnhof. Hintergrund ist die Ertüchtigung der Bahnstrecke, für die der Abschnitt zwischen Hohberg und Kenzingen voll gesperrt werden soll Foto:  

Martin Herrenknecht hat vorgeschlagen, die Bestandsstrecke der Bahn weniger aufwendig als geplant auszubauen – zum Wohl von Pendlern und Reisenden. Der Landrat sowie die Rathauschefs von Lahr, Offenburg und Mahlberg sagen hier, was sie davon halten.

Von 2035 an soll die Rheintalbahn zwischen Hohberg und Kenzingen ausgebaut – und sechs Jahre voll gesperrt werden. Wenn es dabei bleibt, verkehrt auf einer der am stärksten befahrenen Trassen Europas für mehrere Jahre kein Zug mehr. Pendler und Reisende müssten umgeleitet werden oder auf Ersatzverkehr umsteigen. Das wäre aber alles gar nicht nötig, ist Martin Herrenknecht überzeugt. Der Tunnelkönig sähe es lieber, wenn der ICE nach dem Bahnausbau dauerhaft auf den noch zu bauenden Gleisen an der Autobahn fahren würde. Dann müsste man nicht an der Bestandsstrecke Gleise neu bauen und Bahnhöfe umlegen. Sprich der Bahnausbau wäre weit weniger belastend und kostspielig. Diesen Vorschlag hatte Herrenknecht in einem Gespräch mit unserer Redaktion geäußert (wir haben berichtet). Wir haben Thorsten Erny, Markus Ibert, Marco Steffens und Dietmar Benz gefragt, was sie über diesen Vorstoß denken.

 

Landrat Thorsten Erny: „Klar ist: Die Bauphase wird mit Belastungen verbunden sein. Unser gemeinsamer Anspruch muss es daher sein, diese auf ein unvermeidbares Maß zu begrenzen“, sagt Erny auf Nachfrage unserer Redaktion. Deshalb habe der Ortenauer Kreistag bereits im November 2024 in einer Resolution die Deutsche Bahn „eindringlich aufgefordert, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die geplante sechsjährige Sperrung der Bestandsstrecke signifikant zu verkürzen.

Erny fordert zusätzliche Ersatzhalte

„Wir setzen uns auch für zusätzliche Ersatzhalte an der autobahnnahen Neubaustrecke ein, die während der Bauzeit bedient werden sollen“, betont Erny. Pendler zwischen Freiburg und Offenburg könnten indes weiterhin den ICE nutzen – auch während der Bauarbeiten, auf der neuen Strecke, stellt er klar.

Erny betont generell die Bedeutung des Vorhabens: „Der Ausbau der Rheintalbahn ist ein Infrastrukturprojekt von historischer Dimension – ein Jahrhundertprojekt, das die gesamte Region und den Wirtschaftsstandort nachhaltig stärken wird.“ Umso wichtiger sei es, „dass der Bund die erforderliche Finanzierung verbindlich zusichert und die Deutsche Bahn das Projekt verlässlich und im vorgesehenen Zeitrahmen umsetzt“.

OB Markus Ibert (Lahr): Die Stadt unterstütze die Resolution des Kreistags vom 7. November 2024, die vier wesentliche Forderungen erhebt, teilt der Rathauschef unserer Redaktion mit: eine Verkürzung der Bauzeit, ein zuverlässiges und hochwertiges Angebot für den Schienenersatzverkehr, Interimsbahnhöfe insbesondere bei Lahr und Ringsheim sowie die Sicherung von Verkehrsalternativen während der Vollsperrung, vor allem durch Abschluss des Baus der Kreisstraße 5344 und Vermeidung gleichzeitiger Maßnahmen an der A5.

Aus Lahrer Sicht sei es zu begrüßen, wenn Martin Herrenknechts Anregungen und Hinweise Eingang in das Verfahren der Deutschen Bahn finden, äußert Ibert darüber hinaus als Reaktion auf die Berichterstattung unserer Redaktion. „Für Lahr ist allerdings wichtig, dass auch auf der Bestandsstrecke Fernverkehr mit ICE und TGV stattfindet, da wir für unser wachsendes Mittelzentrum dauerhaft mehr Halte des Fernverkehrs erwarten.“ Hintergrund ist, dass Herrenknecht dafür plädiert hat, den ICE auf dem noch zu bauenden dritten und vierten Gleis an der Autobahn fahren zu lassen.

Ibert betont, dass der Fernverkehr künftig vier Gleise brauche

Ibert wendet dagegen ein, dass die Möglichkeit, alle vier Gleise für den Fernverkehr zu nutzen, für diese „europaweit wichtigste Infrastrukturachse“ wichtig sei. Ob diese Nutzung einen Neubau der bestehenden Gleisanlagen voraussetzt oder auch mit deren Erneuerung möglich wäre, sollte von der Deutschen Bahn geprüft werden, wünscht sich der OB.

Ein Interimsbahnhof lasse sich aber auch in Verbindung mit einem künftigen Güterverkehrsterminal planen, „so dass die zusätzlich erforderlichen Gleise und Weichen eine dauerhafte Funktion behalten und einen langfristig wichtigen Beitrag zur Verkehrswende leisten könnten“. Ibert erhebt aber auch eine ganz andere Forderung: Bei allen Diskussionen um die Bestandsstrecke müsse gewährleist sein, dass am Lahrer Bahnhof ein Westzugang, der sogenannte Westdurchstich, realisiert wird.

OB Marco Steffens (Offenburg): „Der Ausbau der Rheintalbahn ist eines der zentralen Infrastrukturprojekte für unsere Region und es ist wichtig, dass dieser Prozess endlich in die Umsetzung kommt“, betont der Offenburger Rathauschef. Die Städte und Gemeinden entlang der Strecke, auch Offenburg, hätten sich über viele Jahre hinweg sehr intensiv und konstruktiv in den Planungsprozess eingebracht.

Dabei seien in der gesamten Region viele Interessen abgewogen, Lösungen ausgehandelt und schließlich eine Beschlusslage entwickelt worden, die auf breiter Beteiligung beruhe. „Neue Impulse und Sichtweisen gehören in eine offene Diskussion, aber sie dürfen nicht dazu führen, dass die Ergebnisse jahrelanger gemeinsamer Arbeit ständig erneut aufgeschnürt werden“, sagt Steffens zum Herrenknecht-Vorschlag.

Seffen fordert, an den bestehenden Beschlüssen festzuhalten

Deshalb stehe für ihn fest, so Steffens: „An der bestehenden Beschlusslage muss festgehalten werden. Jetzt braucht es Verlässlichkeit und den zügigen Start der Baumaßnahmen. Im Sinne der Menschen, der Wirtschaft und der Mobilitätswende.“

Die Sorgen rund um die angekündigte, mehrjährige Vollsperrung der Bestandsstrecke seien in der Region erkannt und ernst genommen worden, ist der Offenburger OB überzeugt. Auch er erinnert dabei an die Resolution des Kreistags, in der diese Problematik aufgegriffen werde.

Die Resolution enthalte konkrete Forderungen an die Deutsche Bahn – unter anderem die deutliche Verkürzung der Bauzeit durch intensivere Bautätigkeit, die Einrichtung leistungsfähiger Schienenersatzverkehre sowie die Schaffung provisorischer Haltepunkte entlang der Neubaustrecke.

„Damit zeigt die Region deutlich: Wir tragen das Projekt mit, aber wir setzen uns zugleich dafür ein, dass die Belastungen für Pendlerinnen und Pendler so gering wie möglich gehalten werden“, betont Steffens.

Es liege jetzt an der Deutschen Bahn und den Verantwortlichen im Bund, „auf diese Vorschläge einzugehen und die Umsetzung entschlossen voranzutreiben“.

Bürgermeister Dietmar Benz (Mahlberg): „Sechs Jahre Sperrung führen zu einem riesen Verkehrschaos“, ist Dietmar Benz überzeugt. Der Rathauschef der Stadt Mahlberg, die mit dem Bahnhof im Stadtteil Orschweier direkt an die Rheintalbahn angeschlossen ist, befürchtet viel zusätzlichen Individualverkehr. Benz glaubt nämlich nicht, dass die angedachten Interimshalte genutzt werden.

Benz befürchtet ein Verkehrschaos

„Die Menschen springen lieber ins Auto.“ Tritt das so ein, könnten die bestehenden Straßen diese zusätzliche Verkehrsbelastung nicht auffangen. Das wiederum würde zu großen Lärmbeeinträchtigungen für die Bewohner führen. Der Bürgermeister kritisiert zudem, dass der Schienenersatzverkehr – Stand jetzt – nicht am Bahnhof Orschweier halten würde, obwohl es dort, anders etwa als an der dann alten B 3, die richtige Infrastruktur in Form von Parkplätzen gebe.

Benz steht daher voll hinter Herrenknechts Vorschlag, die Bestandsstrecke höchstens zu sanieren. „Die Trasse muss nicht ertüchtigt werden.“ Zumal eine Ertüchtigung auch bedeuten würde, dass Parkplätze an der Westseite des Bahnhofs Orschweier ersatzlos wegfielen. Der Mahlberger Rathauschef plädiert ebenfalls für die „günstige Lösung“ und wünscht sich, dass auch ab 2035 noch Züge in Orschweier halten. Dafür werde er sich weiter politisch einsetzen, kündigt Benz an.

Sorge, dass die Region wirtschaftlich abgehängt wird, hat der Bürgermeister „nicht im großen Stil“. Die Arbeitnehmer würden weiter nach Mahlberg kommen, „nur eben nicht mehr auf dem umweltfreundlichen Weg“.