Die Pläne für das lange vernachlässigte deutsche Schienennetz sollen laut dem SWR aus Geldnot vor allem in der Fläche aufgeschoben werden. Die Bundesländer sind alarmiert.
Die Deutsche Bahn stoppt laut einem internen Bericht, der dem SWR vorliegt, den Ausbau der digitalen Stellwerkstechnik und der digitalen Schieneninfrastruktur. Der Sender beruft sich auf interne Papiere der DB Infra-Go AG, die für das Gleisnetz verantwortlich ist. Zudem hätten mehrere Insider die Pläne bestätigt, darunter die Landesverkehrsminister aus Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. Die Bahn selbst dementiert den Bericht. Der Bericht des SWR „ist falsch“, teilte der Konzern am Freitag mit. „Richtig ist: Die Deutsche Bahn hält an der Digitalisierung von Bahnstrecken fest.“ Auch ein Sprecher des Verkehrsministeriums versicherte, „dass die Digitalisierung der Bahn weiterhin eine hohe Priorität genießt“. Zudem laufe beim Bahnknoten Stuttgart das derzeit größte Digitalisierungsprojekt der Schiene in Europa.
Laut dem Papier sollen alte und marode Stellwerke vielerorts nicht durch neue digitale Stellwerke ersetzt werden, sondern durch bewährte und weit kostengünstigere elektronische Technik aus den 90er Jahren. Die Bundesländer befürchten seit Monaten, dass der Geldnot des Bundes und dem Spardiktat bei der DB AG vor allem Projekte in der Fläche und beim Regionalverkehr zum Opfer fallen, weil die noch verfügbaren Mittel in die begonnene Modernisierung der 41 ICE-Korridore bis 2030 fließt. Seit Monaten laufen hinter den Kulissen Verhandlungen zwischen dem DB-Konzern und seinem Eigentümer.
S 21 als digitale Insel
„Ein Ausstieg der DB Infra-Go aus der geplanten Digitalen Schiene Deutschland wäre falsch und in der Wirkung fatal“, sagte der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) unserer Zeitung. Der derzeit entstehende digitale Schienenknoten Stuttgart würde dann „eine digitale Insel“, das Land hätte ohne Nutzen hohe Millionenbeträge für die Umrüstung der Regionalzüge und die Beschaffung neuer Züge mit digitaler Technik investiert. Auch das bereits mehr als 11 Milliarden Euro teure Projekt Stuttgart 21 wäre ohne vollständige Digitalisierung noch weniger leistungsfähig.
Die digitale Technik ETCS soll die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des Schienennetzes verbessern. In der höchsten Ausbaustufe werden viele Signalanlagen an Bahnstrecken überflüssig und es können mehr Züge in dichterer Reihenfolge fahren. Die Bahnindustrie verspricht Kapazitätssteigerungen von 20 Prozent, was in den überlasteten Bahnknoten vieler Großstädte besseren Zugverkehr ermöglichen würde.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es bei der komplexen Umsetzung immer wieder Probleme gibt, so auch beim Digitalen Knoten Stuttgart. Die Erfahrungen in der Schweiz sind ebenfalls ernüchternd. Als erstes Land hat die Alpenrepublik ihre Infrastruktur bereits komplett digitalisiert, die Effizienzgewinne sind aber Berichten zufolge geringer als erhofft.
Eine aktuelle Studie für das Bundesverkehrsministerium taxiert die Ausgaben für ETCS in Deutschland auf rund 69 Milliarden Euro, davon allein 38 Milliarden Euro für die Ausrüstung der Züge.