Umringt von Parteifreunden: So tritt der CDU-Spitzenmann Manuel Hagel am liebsten auf. Foto: dpa/Katharina Kausche

Die Zeit als Golden Boy der Südwest-CDU ist für Manuel Hagel seit der Wahl vorbei. Worauf es für ihn in der neuen grün-schwarzen Koalition ankommt.

Zum Ende der Koalitionsverhandlungen hin, muss Manuel Hagel wichtige eine Hürde nehmen. Seine Zukunft als „Golden Boy“ der Südwest-CDU liegt hinter ihm. Welche Wandlung er seit der Wahl vollzogen hat, und welche Lehren er noch ziehen muss.

 

Was ist bei der CDU seit der Wahl passiert? Im Frust über die Niederlage hat Manuel Hagel seine Parteikollegen mit Schmutzvorwürfen an die Grünen wegen des Rehaugenvideos auf die Bäume gejagt und hinterher Mühe gehabt, sie – und sich – wieder herunter zu holen. Dass Hagel Morddrohungen nicht belegen konnte, weil er den Drohbrief vernichtet hatte, bescherte der CDU und ihrem Chef eine weitere belastende Debatte. Wochenlang machte die CDU den Eindruck, sie torpediere Grün-Schwarz, obwohl es die einzige Koalitionsoption war. Der Umschwung kam erst als die CDU in einer Umfrage unter ihr Wahlergebnis absackte und die Grünen zulegten.

Wie hat Hagel die CDU jetzt aufgestellt? Mit dem Ende der Sondierungen hat Hagel das Bild der CDU von einem Koalitionspartner des Widerwillens abgestreift. Seither präsentiert er sich als Partner, der Cem Özdemir erstens das Format zuschreibt, ein guter Ministerpräsident zu werden, und ihm zweitens helfen will, das Land gut zu regieren. Dass Hagel sechs Ministerien für seine Partei ausgehandelt hat, während die Grünen nur fünf besetzen, hat ihm an der Parteispitze Einstimmigkeit für die Koalitionsverhandlungen eingetragen.

Worum geht es bei der CDU-Konferenz am Wochenende? Hagel liebt Verfahren doppelter Absicherung. Am Samstag tagt die Amts- und Mandatsträgerkonferenz der CDU, wo Hagel schon einmal die Zustimmung aller Abgeordneten, Landräte und Bürgermeister zu den Eckpunkten der Koalition einholt. Weil die wichtigen CDU-Funktionäre den eine Woche später stattfindenden Parteitag nicht gefährden können, werden sie mögliche Kritik am Wahlkampf oder der Verhandlungsführung danach, nicht bei der Abstimmung ausleben. Umgekehrt können die Parteitagsdelegierten dem vorherigen Votum nicht in den Rücken fallen. Eine hohe Zustimmung der CDU zu Schwarz-Grün ist somit gewiss. Das ist eine wichtige Voraussetzung, dass die Regierung Özdemir gedeihlich starten kann, und es sichert Hagels Machtbasis.

Wie positioniert sich Hagel in der – oder zur – Landesregierung? Zuletzt hat Hagel sich bei Fragen nach seiner Rolle in der Koalition sibyllinisch gebärdet und den Eindruck erweckt, dass er weiter Fraktionschef bleiben könne. Damit bleibt er der Strategie treu, sich möglichst nicht in die Karten sehen zu lassen. Wahrscheinlicher ist, dass er ins Kabinett wechselt. Als Fraktionschef wäre er zwar unabhängiger vom künftigen Regierungschef als jeder Minister. Aber das kann er kaum zur Profilschärfung nutzen: Sand ins Getriebe zu streuen und den Erfolg der Koalition wahrnehmbar zu hintertreiben, kann er sich nicht leisten, wenn er bei der nächsten Landtagswahl erneut antreten will. Er muss sein Heil darin suchen, den Erfolg der Koalition möglichst unübersehbar zu fördern.

Welches Ministerium passt besser in Hagels Konzept? Als gesichert gilt, dass Hagel gerne Finanzminister geworden wäre, weil dieses Ressort die Möglichkeit eröffnet, in alle Bereiche der Landespolitik hineinzuwirken. Weil das Haus grün bleibt, wird Hagel nachgesagt, ersatzweise mit dem Wirtschaftsministerium zu liebäugeln. Dafür sprechen zwei Gründe: Erstens wäre es konsistent mit Hagels Vorleben als Banker und seinem auf Wirtschaft konzentrierten Wahlkampf. Zweitens wird die Überwindung der Wirtschaftskrise die nächste Legislaturperiode prägen. Dagegen spricht aber, dass der nächste Ministerpräsident diese Themen genau wie sein Vorgänger an sich ziehen und dem Wirtschaftsminister kaum Gelegenheiten zum Glänzen geben wird. Das kann Hagel nicht brauchen. Deshalb dürfte er sich wohl doch komplementär zu Özdemir aufstellen und eher das Innenressort übernehmen. Dort hat er einen eigenen, für konservativ-bürgerliche Wählerkreise und die CDU wichtigen Gestaltungsraum. Das verspricht mehr Ertrag als wenn er sich mit Özdemir einen Wettlauf um die größere Wirtschaftskompetenz liefert, bei dem er vermarktungstechnisch nur den Kürzeren ziehen kann.

Cem Özdemir konnte bei den Wählern auch mit seinem weltläufigen Profil punkten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Welche Lehren muss Hagel aus der Wahlniederlage noch ziehen? Nur eine Haaresbreite von 27 000 Stimmen hätten es mehr sein müssen, dann hätte Manuel Hagel jetzt den Status als konservativer Held einer neuen Generation. Doch so knapp die Niederlage auch war, mit dem 8. März ist sein Image als Golden Boy der Südwest-CDU Geschichte. Der Goldjunge, der zur richtigen Zeit am Elfmeterpunkt steht, und den Ball ins Tor donnert – das war der Plan. Aufgegangen ist er nicht. Deshalb muss der 37-Jährige sich als politische Person neu erfinden.

Die wichtigste Lehre aus dem Wahlergebnis ist, dass Hagel Land und Leute nicht so gut kennt, wie er dachte. Er war überzeugt genau zu wissen, was Baden-Württemberg braucht und will. Daraufhin hat er sein Fehlerfrei-Image als Dreifachvater und braver Normalo aus Ehingen designt. Doch am Wahltag haben 42 Prozent der Wähler gegenüber den Demoskopen von Infratest Dimap erklärt, dass Özdemir mit seinem weltläufigen Profil besser zum Land passe. Über Hagel sagten das nur 33 Prozent. Das zeugt davon, dass nicht allein Winfried Kretschmann der CDU die Definitionshoheit über bürgerlich-konservative Politik streitig gemacht hat. Das Milieu zu erreichen, gelingt den Grünen, die sich mit Cem Özdemir erneut äußerst realpolitisch aufstellen, unabhängig vom scheidenden Über- und Landesvater. Positiv ist für Hagel in dieser Gemengelage, dass es auf Glätte und Fehlerlosigkeit nicht ankommt. Er wäre deshalb gut beraten, weniger Energie in Fehlervermeidung zu stecken und professioneller damit umzugehen, wenn sie passieren. Eine heftige Schramme hat die Wahlniederlage dem CDU-Hoffnungsträger beigebracht. Diese Erfahrung taugt allemal als Nukleus eines Profils mit Ecken und Kanten.