So könnte es ausgesehen haben, als die Kelten italienischen Wein über den Neckar schipperten: digitale Rekonstruktion für den Erlebnispfad Heidengraben. Foto: Dieter Hagmann/3dmuseum.eu

Die Kelten haben an vielen Orten des heutigen Baden-Württembergs gelebt, gearbeitet und fantastische Kunstwerke geschaffen. Jetzt sollen ihre Spuren lebendig werden – auch mit digitalen Mitteln.

Stuttgart - Manchmal reicht die Fantasie nicht aus. Da sieht man eine Haarspange aus Gold – und kann sich doch nicht vorstellen, wie die Frau ausgeschaut haben mag, die sie sich vor mehr als 2000 Jahren in die Haare steckte. Was für eine Frisur mag sie gehabt haben? Wie sahen ihre Kleider aus? Hat sie auch mal mit dem Gatten gestritten und am Abend die Füße faul auf den Schemel hochgelegt?

 

In den vergangenen Jahren hat man an verschiedensten Orten in Baden-Württemberg Schätze gefunden, die vom Leben der Kelten erzählen. 2010 wurde in der Nähe von Sigmaringen das riesige Grab einer Keltenfürstin gehoben – mit bestens erhaltenem Schmuck aus Gold und Perlen aus Bernstein. Auch bei Breisach ist man auf mehr als siebzig Grabhügel gestoßen, in denen Schmuck und Geschirr die Zeit überdauert haben.

Die Kelten waren nicht so barbarisch, wie es in den Büchern oft heißt

Im Landesmuseum Württemberg und den anderen Museen im Land kann man diese Funde besichtigen – und doch können die Stücke oft nur bedingt vermitteln, wie die Kelten tatsächlich lebten und arbeiteten, also diese verschiedenen Volksgruppen, die von etwa 1000 v. Chr. an in Europa lebten und lange als barbarisch, grob und ungehobelt galten, auch wenn die neueren Funde etwas anderes erzählen. Das Land Baden-Württemberg will nun nicht nur das schlechte Image der Kelten aufpolieren, sondern auch besser erlebbar machen, wie die Menschen einst dort lebten, wo heute Villingen, Bopfingen oder Erkenbrechtsweiler liegen. Zehn Millionen Euro wurden kürzlich für diese Keltenoffensive bewilligt.

Die App macht sichtbar, wie das Leben konkret ausschaute

Auf dem Erlebnisfeld Heidengraben kann man bereits jetzt die Gegend abmarschieren, auf der sich einst die wohl größte befestigte spätkeltische Siedlung Europas befand. Im vergangenen Jahr wurde auf dem geschichtsträchtigen Boden ein Erlebnispfad geschaffen. Beim Rundgang kann man die Kelten bei der Jagd oder im Galopp im Streitwagen sehen – zumindest, wenn man sich die neue App herunterlädt, die die Vergangenheit multimedial heraufbeschwört. „Die Besucherinnen und Besucher können den Heidengraben nicht erfassen, dazu ist er viel zu groß“, sagt Gerd Stegmaier, der das Erlebnisfeld Heidengraben wissenschaftlich begleitet. Im Herbst soll deshalb mit dem Bau eines neuen Besucherzentrums begonnen werden, in dem mit viel technischem Aufwand, mit Touchscreens, Projektionen und Mitmachstationen sichtbar werden soll, wie die Kelten hier einst lebten. 4,8 Millionen Euro lässt man sich das kosten, wenn alles gelingt, kann Ende 2022 eröffnet werden.

Die Heuneburg könnte eine der mächtigsten Kelten-Siedlungen gewesen sein

Da die Kelten keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, überdauerten nur die Aufzeichnungen jener, die die Keltoi, Celtae, Galli oder Galatai als Krieger und Raufbolde erlebten und nicht wussten, dass sie auch begabte Städtebauer waren und die Gräber ihrer Fürsten mit prunkvollen Gegenständen ausstatteten. Die Schätze aus dem Grab der Keltenfürstin beweisen dagegen, wie kunstfertig sie waren.

Bei dem Fundort Heuneburg könnte es sich um die Keltenstadt Pyrene handeln, die zwischen 650 und 450 v. Chr. ein wichtiges Handels- und Machtzentrum war. Auch die Heuneburg soll im Zuge der Kelten-Offensive des Landes „emotional erfahrbar gemacht werden“, wie der Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt. In Bopfingen im Ostalbkreis lebten in der älteren Eisenzeit bereits Kelten, die Nachbauten, die schon jetzt auf dem Fürstensitz Ipf zu sehen sind, sollen ertüchtigt und um digitale Angebote erweitert werden. Auch das Keltenmuseum Eberdingen-Hochdorf profitiert von der Kelten-Offensive und wird modernisiert werden.