Mit dem Pflichtjahr in der Kita setzt Grün-Schwarz einen richtigen Schwerpunkt. Fatal ist aber die Leerstelle bei den weiterführenden Schulen, meint unsere Autorin Bärbel Krauß.
Die neue Landesregierung um den künftigen Ministerpräsidenten Cem Özdemir setzt laut den Leitplanken, die sie sich im Sondierungspapier gegeben hat, in der Bildungspolitik gleich doppelt auf Kontinuität. Zum einen will Grün-Schwarz sich in dieser Wahlperiode erneut auf die frühe Bildung vor und in der Grundschule konzentrieren. Zum anderen macht die Koalition weiterhin einen Bogen um Strukturreformen bei den weiterführenden Schulen.
Reformdruck bei weiterführenden Schulen
Auch wer weiß – und ernst nimmt – , wie schwer es Grünen und CDU fällt, sich auf eine Verschlankung des aufgeblähten Schulsystems mit Haupt- und Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen zu verständigen, wird zu dem Schluss kommen, dass die geplanten Maßnahmen der Regierung Özdemir nicht ausreichen. Denn es ist richtig, die Startbedingungen für jedes Vorschulkind und jeden Erstklässler weiter zu verbessern. Aber es ist falsch, vor dem Reformdruck bei den weiterführenden Schulen zu kapitulieren.
Es war schon vor fünf Jahren falsch, dass Grüne und CDU Änderungen der Schulstruktur im Koalitionsvertrag ausklammerten. Es war auch falsch, dass sie später die Chance auf eine koalitionsübergreifende Bildungsallianz ausließen. Jetzt kann es sich das Land erst recht nicht mehr leisten, die Reserven, die im hiesigen Dschungel der Schularten stecken, nicht zur Verbesserung der Schulqualität zu nutzen.
Doch zum Positiven: Ambitioniert gestaltet kann es wesentliche Fortschritte bringen, dass Baden-Württemberg das letzte Kita-Jahr für alle Fünfjährigen zur Pflicht machen und beitragsfrei stellen will. Allerdings darf das Projekt dann nicht nur der Entlastung der Vorschuleltern dienen. Die Beitragsfreiheit rechtfertigt sich nur dann, wenn in diesem Kita-Pflichtjahr ernst gemeinte Bildungsziele gelten. Das heißt nicht, dass Jungen und Mädchen das Rechnen oder ähnliches schon in der Kita lernen sollen. Aber alles, was zur Schulreife nötig ist, muss der Mehrheit der Kinder in diesem Jahr vor der Einschulung vermittelt werden.
So verstanden ist das verpflichtende Kita-Jahr ein ehrgeiziges Projekt. Die Schulpflicht vorzuziehen, Kitas und Grundschulen enger zu verknüpfen und das neue Kita-Pflichtjahr sinnvoll mit den bereits beschlossenen Juniorklassen in der Grundschule zu verzahnen, wird rechtlich, organisatorisch und finanziell zu einem Kraftakt. Und selbst wenn es gelingt, den Kindern auf diese Weise einen besseren Schulstart zu ermöglichen, werden sich die Lernprobleme, die bei vielen Kindern später auftauchen, nicht in Luft auflösen. Deshalb ist die Leerstelle bei den weiterführenden Schulen so fatal.
Das Problem mit der Schulgröße
Ein paar Kennzahlen zeigen, wie ineffizient das System mittlerweile ist: In der Bildungsforschung gilt ein Richtwert von 800 Schülern als gute Größe, um eine Schule effizient und mit guten Lernerfolgen zu betreiben. Wegen der Vielzahl der Schularten im Südwesten, die aus Gleichheitsgründen überall im Land erreichbar sein müssen und die allesamt um die Schülerklientel konkurrieren, bleiben sie dramatisch weit unter diesem Wert. Die Haupt- und Werkrealschulen haben im Durchschnitt 181 Schüler, die Gemeinschaftsschulen 294 und die Realschulen 487 Schüler.
An diesen kleinteiligen Strukturen festzuhalten, ist bildungspolitisch ein Aberwitz, Geldverschwendung in großem Stil und Personalvergeudung, die allein der Aufrechterhaltung von Strukturen dient. Noch ist unklar, wer die nächste Kultusministerin oder der nächste Kultusminister wird. Soll die Schulqualität im Land verbessert werden, wird sie oder er angesichts der Mittel- und der Personalknappheit nicht umhin kommen, diese Reserve anzuzapfen. Abwarten ist keine gute Alternative. Zu viel Zeit verloren hat das Land schon jetzt.