Schlägt die Auseinandersetzung am Persischen Golf noch voll auf dem Arbeitsmarkt durch? Es gibt mehrere Szenarien. Foto: epd/Tim Wegner

Der lange Zeit stabile Arbeitsmarkt kommt ins Rutschen – auch wegen des Konflikts um den Iran. Die Bundesagentur für Arbeit erwartet für Baden-Württemberg nichts Gutes.

Der – kaum beruhigte – Krieg im Nahen Osten sowie der Zollkonflikt mit den USA wirken sich negativ auf den Arbeitsmarkt aus. Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (IAB) hat eine neue Prognose für 2026 vorgelegt – und die Aussichten für Baden-Württemberg sind düsterer als zuvor. Der Arbeitsmarkt ist mit Rezession und Transformationskrise ohnehin schon stark belastet – Donald Trumps Politik bringt nun zusätzliche Stressfaktoren.

 

„Die Arbeitslosigkeit steigt im vierten Jahr“, sagt Martina Musati, Regionalchefin der Bundesagentur für Arbeit. „Nach zehn Prozent in 2023, zehn Prozent in 2024 und 8,8 Prozent in 2025 sind die Aussichten auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt aufgrund des Iran-Kriegs trüber als erwartet.“ Gerechnet werde für 2026 nun mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um zwei Prozent. Dabei werde unterstellt, dass sich der Konflikt noch einige Monate hinziehen wird.

Wirtschaftliche Erholung Musati und die Arbeitsmarktforscher erwarten eine moderate wirtschaftliche Erholung für 2026, die sich aber durch den Konflikt im Nahen Osten um einige Monate nach hinten verschieben werde. Die Konjunktur werde voraussichtlich vom zweiten Halbjahr an von zusätzlichen staatlichen Ausgaben aus dem Infrastrukturfonds und den steigenden Ausgaben für Verteidigung profitieren – mit Impulsen auch für den Arbeitsmarkt.

Sollte es hingegen zu einer weiteren Eskalation am Persischen Golf kommen, wären die Folgen für die Wirtschaft und damit für den Arbeitsmarkt kritischer einzuschätzen, so Musati. Mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung könnte wegbrechen, und die Arbeitslosigkeit könnte stärker steigen. Kurzum: „Baden-Württemberg wäre mit seiner exportorientierten Industrie stärker als andere Bundesländer von einer weiteren Eskalation des Konflikts betroffen.“

Sinkende Beschäftigung Bisher gingen die IAB-Prognosen für Baden-Württemberg von Oktober davon aus, dass die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in diesem Jahr dezent wächst und die Arbeitslosigkeit stagniert. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote wurde noch mit 4,5 Prozent prognostiziert. Nun könnte die Beschäftigung (wie auch im Bund) leicht um 0,1 Prozent zurückgehen – dies entspricht einem Minus von 4300 auf dann 4,94 Millionen im Jahresdurchschnitt. Das heißt auch: erstmals seit 2009 dürfte die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht mehr wachsen.

Der prozentual stärkste Anstieg der Beschäftigung im Südwesten wird für den Agenturbezirk Heidelberg (plus 0,8 Prozent) erwartet, der höchste Rückgang in Ludwigsburg (minus 1,1 Prozent) und Stuttgart (Minus 1,0 Prozent).

Bei einer weiteren Eskalation des Kriegs käme ein Negativszenario in Betracht, mit einem landesweiten Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung um rund 57 000 Beschäftigte oder 1,1 Prozent.

Steigende Arbeitslosigkeit Die Arbeitslosigkeit im Südwesten wächst der Prognose zufolge um 2,0 Prozent, also um 5800 Betroffene, was ein übermäßiger Anstieg im Vergleich zum bundesweiten Schnitt (plus 1,3 Prozent) wäre. Im Jahresschnitt rechnet das IAB mit 299 500 Arbeitslosen. Falls das Bomben in Nahost anhält, könnte die Arbeitslosigkeit sogar um rund 17 000 (plus 5,7 Prozent) ansteigen.

Als weiterer Faktor wird der gesetzliche Mindestlohn angenommen, der zu Jahresbeginn um 8,4 Prozent erhöht worden war. Bisher hat die Lohnuntergrenze keinen großen Negativeffekt gehabt. Nun zeigen sich die IAB-Forscher skeptischer, weil der Arbeitsmarkt unter der Dauerflaute leidet, die Arbeitskräfteknappheit zurückgeht und ein höheres Mindestlohnniveau erreicht wurde.

Der Zuwachs an Arbeitslosen findet ausschließlich im sogenannten Rechtskreis Sozialgesetzbuch (SGB) III statt – also für Empfänger von Arbeitslosengeld. Dort soll das Plus 4,5 Prozent auf 140 300 im Jahresschnitt betragen.

Im Rechtskreis SGB II (Grundsicherung/Bürgergeld) wird mit einem leichten Schwund von 0,1 Prozent auf durchschnittlich 159 200 Arbeitslose gerechnet.

Plänen der Bundesregierung zufolge sollen von April 2025 an eingereiste ukrainische Geflüchtete nicht mehr dem SGB II, sondern dem Asylbewerberleistungsgesetz zugeordnet werden. Arbeitslose aus dieser Gruppe würden dann der SGB-III-Statistik zugerechnet. Das umstrittene Vorhaben liegt derzeit auf Eis. Wird es noch realisiert, könnte es im Jahresdurchschnitt zu einer weiteren Umschichtung kommen.

Regionale Arbeitslosenquoten Die Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg wird laut den Prognosen 4,6 Prozent im Jahresdurchschnitt betragen – 0,1 Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Bundesweit werden 6,4 Prozent angenommen.

Innerhalb Baden-Württembergs steigt die Arbeitslosigkeit maximal um 4,9 Prozent (Mannheim und Ulm) und mindestens um 0,7 Prozent (Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim) an. Für den Bezirk Stuttgart wird ein Plus von 3,0 Prozent, für Waiblingen von 1,8 Prozent und für Ludwigsburg von 2,3 Prozent in Aussicht gestellt. Stuttgart hätte demnach eine Arbeitslosenquote von 5,9 Prozent, Waiblingen 4,7 Prozent und Ludwigsburg 4,3 Prozent.

Branchen mit Chancen und Risiken Nahezu alle zusätzlichen Stellen wird es dem IAB zufolge im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit geben. Bundesweit wird mit einem Plus von 180 000 Beschäftigten gerechnet – was hauptsächlich am Ausbau der Kindertagesbetreuung und an der Alterung der Gesellschaft liegt.

Knapp fünf Prozent der Erwerbstätigen waren 2025 Beamtinnen oder Beamte. Seit dem Tiefstand von 2016 steigt ihre Zahl wieder langsam an. Aufgrund der Bedeutung von äußerer und innerer Sicherheit wird mit einem Stellenaufbau bei Verteidigung und Grenzschutz gerechnet – so könnte es im Schnitt gut 10 000 Beamte mehr geben.

Im Fokus steht auch die Finanz- und Versicherungsbranche, die infolge der Digitalisierung und aufgrund von Sparmaßnahmen im Bankensektor seit 2015 fast durchweg Beschäftigung eingebüßt hat. Seit Ende 2023 ist der Trend gestoppt – die Zahlen steigen wieder. Für 2026 geht das IAB von einer weiteren moderaten Zunahme um 10 000 aus.

Der von der Corona-Krise stark betroffene Wirtschaftsbereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe befand sich zuletzt noch im Aufholprozess, der nun weitgehend abgeschlossen zu sein scheint. Seit Mitte 2024 sinkt die Beschäftigung aufgrund der Konsumschwäche wieder moderat. Auch für 2026 rechnet das IAB mit einem weiteren Rückgang um bundesweit 40 000 Personen.

Das Baugewerbe profitiert derweil vom Sondervermögen, das steigende Ausgaben für die Infrastruktur ermöglicht. Hinzu kommt, dass weiterhin in Ballungsräumen eine hohe Nachfrage nach Wohnraum besteht. Daher sehen die Arbeitsmarktforscher hier eine leicht steigende Beschäftigung.

Für das Produzierende Gewerbe ohne Baugewerbe wird derweil für 2026 ein Minus von 140 000 Beschäftigten vorhergesagt – ein Schwund, wie es ihn schon 2025 gab.