Karl Bechtle steht am Eingang zu seinem Haus in der Kernerstraße in Bad Wildbad und zeigt seinen wie neu wirkenden Wehrpass von 1945. Im Januar 16 geworden, weist dieser ihn als Schüler aus.Fotos: Schabert Foto: Schwarzwälder Bote

Kriegsende: Am 26. März 1945 marschierten die Rekruten durch Wildbad / 19 Tage später kamen dann die Franzosen

Der Krieg war fast schon vorbei, aber am 26. März 1945 fand in Wildbad noch eine allerletzte Musterung statt. 19 Tage später marschierten die Franzosen ein und es erfolgte die Übergabe der Stadt. Die Rekruten waren gerade 15 oder 16 Jahre alt. Anlässlich des 60. Jahrestags der Musterung erinnerte sich Karl Bechtle 2005 in einem Beitrag für das "Einst-&-Heute"-Heft des Kreisgeschichtsvereins Calw daran.

Bad Wildbad. Auszugsweise wird nachstehend das von mancherlei Kuriositäten begleitete Geschehen – inzwischen 75 Jahre zurückliegend – wiedergegeben. Karl Bechtle, der Kaffeehaus-Seniorchef aus der Bäderstadt, der in geistiger Frische zusammen mit seiner Frau Elisabeth in der Kernerstraße lebt, hat dies als einer von ihnen wie folgt kurzweilig festgehalten.

"Ich wurde als k.v. – also kriegsverwendungsfähig – Ersatzreserve l, Heranziehung zum RAD (Reichsarbeitsdienst) eingestuft. Nach der Musterung marschierten wir durch die Stadt zum Rathaus. Voraus die Musikkapelle Wildbad, dann kam einer, der unser Schild mit der Aufschrift trug: ›Nur nicht zweifeln, nur nicht zagen, die Feinde werden wir schon schlagen. Rekrutenjahrgang 1929. Die frisch gemusterten Wildbader Rekruten am 26. März 1945.‹

In der Wilhelmstraße waren plötzlich Fliegergeräusche zu hören. Dies veranlasste eine dort wohnende Frau, uns zuzurufen: "Bube, ganget schnell von der Stroß weg, Jabos (Jagdbomber) kommet.‹ Obwohl wir doch eben erst k.v. gemustert waren, folgten wir ihrem Rat. Vor dem Rathaus angekommen, bekamen wir von Bürgermeister Kiessling ein Fass Bier (38 Liter) spendiert. Mit diesem und 35 Litern Most marschierten wir anschließend zur Grünhütte, wo wir aber das Bierfass nicht anstechen konnten, weil kein Fasshahn vorhanden war.

Um halb zehn Uhr abends war gerade die richtige Stimmung (vom Most) aufgekommen, als Frau Fritz, die Frau des Ortsgruppenleiters und Mutter eines Kameraden, anrief, Panzer seien durchgebrochen. Wir meinten natürlich, die stünden schon vor Wildbad, und machten uns auf den Heimweg. Bis zum Einmarsch der Franzosen fanden von Seiten der H.J. (Hitlerjugend) unter Führung von H.J.-Standortführer H. mehrere Versuche statt, uns Jungen aus Wildbad wegzuholen zum Einsatz als Werwölfe. Um uns Angst einzujagen, wurde behauptet, die einrückenden Feinde würden uns zu Schanzarbeiten an vorderster Front und als Schutzschilder verwenden.

Die Mütter ließen die Jungen nicht weg

Da unsere Mütter uns nicht wegließen, musste sich Herr H. wohl oder übel allein absetzen, begleitet von einigen Parteigenossen. Er würde wieder kommen und sich rächen, verkündete er noch vom abfahrenden LKW herab. Am 14. April 1945, 19 Tage nach unsrer Musterung, morgens um 11 Uhr gab unvermittelt ein MG (Maschinengewehr) der Franzosen einen Feuerstoß ab. Wir glaubten schon, dass es zu Kämpfen käme. Es geschah aber nichts weiter: Wildbad wurde als Lazarettstadt dem Feind übergeben. Mit einem Freund ging ich, wie vorher verabredet, in den Wald, wo wir uns versteckten.

Als aber um 13 Uhr immer noch keine "Schwarzen" die Wilhelmstraße, die wir einsehen konnten, heraufkamen, wollten wir wieder in die Stadt zurück, wurden aber von einem Sanitäter aus dem Lazarett Panoramahotel zurückgeschickt, da eben die ersten Marokkaner die Bätznerstraße hoch kämen. Aus unserem Versteck sahen wir dann durchs Fernglas, wie die Stadt vor dem Rathaus durch deutsche Offiziere an die Franzosen übergeben wurde.

Gleich am Abend kamen die ersten Bekanntmachungen heraus: Alle Radios, Waffen und Fotoapparate sind abzuliefern; Ausgang von 7 bis 19 Uhr. Am 19. April mussten sich alle Männer von 15 bis 65 Jahren zum Arbeitseinsatz melden.

Am 20. April wurde unser Auto geholt und statt dessen ein Citroën dagelassen. Den verkaufte mein Vater für 1000 Mark. Für die 1000 Mark wurde auf dem Meistern ein Ochse gekauft, der dann von Fritz Blumenthal in einer Scheune bei der Kälbermühle geschlachtet wurde. So hatten wir wenigstens etwas zum Essen und zum Kompensieren (tauschen). Am 28. April gab es erstmals wieder Milch zu kaufen. In der Wilhelmschule, in der Marokkaner hausten, mussten Hasen und Hühner abgeliefert werden. Wir schickten unsere Großeltern mit zwei Hasen hin. Als der Wachtposten die zwei alten Leute sah, schickte er sie wieder weg mitsamt den Hasen."

Bechtles Beitrag endet mit den Worten: "In meinem Tagebuch sind noch viele Geschehnisse der damaligen Zeit notiert, auch einige brisante Sachen, von denen manche Wildbader nachher nichts mehr wissen wollten."

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: