Maria Arp (links) und Lilo Raach mussten als Kinder aus Ostpreußen flüchten. Foto: Schabert Foto: Schwarzwälder-Bote

Heimat: Maria Arp und Lilo Raach entgehen Untergang der "Wilhelm Gustloff" / Einst aus Ostpreußen in den Schwarzwald

Maria Arp und Lilo Raach aus Ostpreußen wurden zu Wildbaderinnen. Ihr Schicksal könnte in dem Buch "Wir letzten Kinder Ostpreußens" von Freya Klier stehen.

Bad Wildbad. Ehe die kürzlich 80 Jahre alt gewordene Lilo Raach zusammen mit ihrer Schwester Maria Arp (84) vor mehr als zwei Generationen Wildbaderinnen wurden, mussten sie als Kinder mit Eltern, Großeltern, dem bei Dortmund lebenden Bruder Franz Kahrau (87) und weiteren Angehörigen aus Ostpreußen flüchten.

Keinen Platz fanden sie auf dem Kreuzfahrtschiff "Wilhelm Gustloff". Was zunächst als großes Pech empfunden wurde, war ihr Glück. Der mit Flüchtenden völlig überladene Dampfer trat nämlich seine letzte Fahrt an. Er wurde mit mehr als 10 000 Menschen an Bord, von denen der größte Teil ums Leben kam, von einem russischen U-Boot am 30. Januar 1945 in der eisigen Ostsee versenkt.

"Ich war zwölf, meine Schwester acht Jahre alt, als wir am 14. Januar 1945 bei minus 20 Grad zu Fuß aufbrachen", erzählt Arp, die in der Olgastraße wohnt. Nur was sie tragen konnten, war aus ihrem Heimatort Tiedmannsdorf im Kreis Braunsberg südlich von Königsberg mitzunehmen.

Eigentlich sollten sie ausharren. Mit einer einzigen Panzerfaust sollten die Männer das Dorf verteidigen. "Abzuhauen stand unter Strafe, ja es war geradezu lebensgefährlich" – die NSDAP-Parteigenossen wachten darüber. Als aber die Rote Armee immer näher kam, änderte sich dies.

Russische Helfer

Von der heute zu Polen gehörenden alten Heimat aus war zunächst Danzig das Ziel. Der russische Vormarsch führte aber zu einem Zickzackkurs und schließlich über das zugefrorene Frische Haff. Menschen zu Fuß und Gespanne trug das Eis gut auf dem für diese Gruppen gekennzeichneten Streifen. "Manches Fuhrwerk sehe ich noch teils auf dem Eis liegend, teils auf einer Seite eingebrochen, manövrierunfähig außerhalb des markierten Wegs hängen", erinnert sich Arp.

In Tiedmannsdorf waren – wie im ganzen Land – Zwangsarbeiter tätig. Im Ort tat ein "Tankholzkommando" mit russischen Helfern Dienst, das für die Holzvergaser der Wehrmachtslastwagen Material aufbereiten musste. "Für uns zahlte sich aus, dass meine Familie trotz drohender Strafen ihnen manche Sonderration zukommen ließ und freundlich mit ihnen umging", berichtet Arp über ein Stück Menschlichkeit in schwerer Zeit. "Als wir uns dem Ende des Haffs näherten, suchten sie – wie an mehreren Tagen zuvor – trotz ihnen deshalb drohender Sanktionen nach uns und sorgten für eine Schlafstatt und Lebensmittel."

Mit Essen versorgt

Die Familie schlug sich von Gotenhafen aus mit dem Zug, in Güterwaggons eingepfercht, weiter nach Westen durch. Der Weg führte über das Auffanglager Rotenburg/Wümme nach sechs Wochen nach Kirchwalsede in Niedersachsen auf einen Bauernhof. Dort wurden dann die Heimatvertriebenen mit Wohnraum sowie Essen versorgt und die Erwachsenen konnten gelegentlich in der Landwirtschaft helfen.

"Arbeit fand ich als junges Mädchen in Wildbad. Zunächst als vorläufige Station gedacht, gefiel es mir im unserer alten Heimat etwas ähnelnden Schwarzwald, und ich lernte hier meinen im letzten Jahr verstorbenen Mann Werner kennen", erzählt Arp. Ähnlich verlief der Weg ihrer mit Ehemann Werner Raach zusammen im Cavalloweg wohnhaften Schwester Lilo, die der Älteren – ebenfalls eine Tätigkeit in der Bäderstadt aufnehmend – nachzog.

Wer das Schicksal der Mädchenzeit beider Frauen nicht kennt, der würde im Gespräch mit ihnen kaum vermuten, dass sie nicht von hier stammen. Denn in Sprache und Mentalität sind die Ostpreußinnen zu richtigen Wildbaderinnen geworden.